Mit dem Herbst kommt die Veränderung!
Es ist wieder Herbstbeginn. Eine Zeit der Veränderungen. Nicht nur die Natur und die wettermäßige Stimmung verändern sich, auch in meinem Leben brachte der Herbst oft Veränderungen oder läutete sie ein. Teilweise handelte es sich um Dinge, die auf viele Menschen ebenso zutreffen. Die Sommerferien endeten und ich ging das erste Mal in den Kindergarten, hatte den ersten Schultag, kam aufs Gymnasium, begann mein Fernstudium… Und das alles zum Herbstbeginn! Diese Zeit lässt mich reflektieren. Einerseits über den Sommer, der hinter mir liegt, andererseits blicke ich gespannt und auch mit Ungewissheit auf den Herbst und die Zeit, die vor mir liegt. Die Ungewissheit kommt daher, dass diese Jahreszeit neben den gerade genannten Beispielen oft auch noch andere Veränderungen und unerwartete Ereignisse mit sich brachte. Natürlich gab es zu anderen Jahreszeiten ebenfalls immer wieder Veränderungen in meinem Leben, doch im Herbst waren es eben auffällig viele.
Fast zu jedem Jahr kann ich zumindest eine einschneidende Veränderung oder ein besonders einprägsames Ereignis nennen. Über vieles habe ich schon geschrieben, wie etwas meinen Beinbruch im August 2013. Ich weiß, der August gehört noch zum Sommer, aber der dadurch ausgelöste Prozess zog sich bis in den Herbst. Die Veränderung war streng genommen mit dem Zeitpunkt des Beinbruchs in Kraft: Ich konnte nicht mehr laufen. Doch anzuerkennen, dass es sich um eine unumkehrbare Veränderung handelte, diese zu akzeptieren und mich neu damit zurechtfinden, brauchte noch etwas Zeit. Zum Herbstbeginn ging es aber nicht allein darum, mich an den Rollstuhl zu gewöhnen. Nebenbei fand auch noch der Übergang aufs Gymnasium statt: Neue Schule, sehr viele neue Mitschüler, neue Lehrer. Eine der beiden Veränderungen allein kann bereits sehr herausfordernd sein. Und ich durfte beides auf einmal erleben! Die Anfänge waren jeweils nicht leicht, aber ich gewöhnte mich an beides recht rasch.
2014 gab es eine Veränderung, die viel weniger einschneidend klingt, der ich aber dennoch bis heute einen wichtigen Teil meines Lebens verdanke. Ich war damals gerade Fußballfan geworden. Mit der gegen Herbst ins Rollen kommenden neuen Saison interessierte ich mich erstmals für Spiele und Wettbewerbe von Fußballclubs. Ich schaute zum ersten Mal das Aktuelle Sportstudio und auch Champions League an. Mein Interesse für hochklassigen Clubfußball und vor allem die starke Sympathie für den FC Barcelona sind mir seitdem nie abhandengekommen.
Was mir im Herbst 2015 passierte, prägte mich ebenfalls. Ende Oktober verbrachte ich mit einer Herzmuskelentzündung eine Woche im Krankenhaus. Auch psychisch ging das nicht spurlos an mir vorüber. Besonders zu kämpfen hatte ich danach längere Zeit mit unangenehmen, möglicherweise traumatischen Erinnerungen an meine MRT-Untersuchung, die ich panikbedingt hatte abbrechen müssen.
Im November 2016 war ich auch im Krankenhaus, wenn auch nur für ein paar Stunden, da mein Bruder und ich eine Kontrolluntersuchung auf der orthopädischen Abteilung in Augsburg hatten. Zu dem Zeitpunkt war die über das Jahr langsam fortschreitende seitliche Verkrümmung meiner Wirbelsäule bereits stark genug ausgeprägt, dass der Arzt eine Operation empfahl. Diese Information veränderte nachhaltig etwas in mir. In den Jahren zuvor hatte sich an meinem Körper abgesehen vom stets voranschreitenden Muskelabbau nach meinem Empfinden kaum etwas verändert und bei den ärztlichen Kontrollen waren keine drastischen Probleme festgestellt worden. Diesmal war es eben anders. Die neue Information führte mir vor Augen, dass sich die unbeschwerte Zeit möglicherweise dem Ende zuneigen könnte und nun unangenehme medizinische Maßnahmen meinem normalen, gewohnten Leben in die Quere kämen. Wie ging ich mit dieser ernüchternden Realisation um? Ich wollte sie nicht an mich heranlassen, verdrängte die Wahrheit und tat so, als wäre alles in Ordnung. Gegen eine Operation verschloss ich mich komplett, weshalb sie nie durchgeführt wurde.
2017 gab es nach den Sommerferien wieder eine schulische Veränderung: Ich war jetzt in der Oberstufe. Unsere Klasse war nun einen Stock weiter oben und fast die Hälfte der Klasse bestand aus neuen Schülern, da nach der Unterstufe viele die Schule gewechselt hatten. Für mich war aber noch etwas anderes neu, denn ich hatte von da an Latein und Französisch mit der Parallelklasse. Alle anderen Schüler meiner Klasse gehörten nämlich entweder der Fußball- oder der Handballakademie an, weshalb sie im Vergleich zu mir leichte Abweichungen im Stundenplan hatten. Auch körperlich hatte sich bei mir über den Sommer etwas verändert: Während ich in der Unterstufe den kleinen Toilettengang allein ausführen konnte, war mir das nun nicht mehr möglich. In den ersten Monaten bedeutete das, dass ich den Harn den ganzen Schultag zurückhielt. Zwar wurde bereits nach ein paar Wochen mit der Sekretärin abgesprochen, dass sie mir im Notfall helfen könnte, doch ich nahm es so gut wie nie in Anspruch. Als ich einmal doch musste, war die Sekretärin nicht da, weshalb meine Mama kurzfristig „einspringen“ musste.
In der Folge überlegte meine Mama sich eine bessere Lösung. Ab dann kam immer in der Mittagspause oder in der großen Pause kurz eine der Assistenzpersonen, die wir schon damals öfters nachmittags zu Hause hatten, zu mir in die Schule, um mich zur Toilette zu begleiten. Dass ich monatelang gewartet hatte, bis mir jemand eine Lösung unterbreitete, und nicht schon vorher selbst aktiv wurde, ist ein gutes Beispiel für meinen damaligen Umgang mit Veränderungen. Ich wollte sie oft nicht so richtig anerkennen und klammerte mich an den Status quo, statt nach Neuem zu fahnden, obwohl ich es dann deutlich angenehmer gehabt hätte. Einfach zu beschließen, in der Schule überhaupt nicht mehr auf die Toilette zu gehen, war weder eine Lösung noch angenehm, und vielleicht auch gar nicht gesund. Hieran sieht man auch, dass ich nicht immer diese proaktive Problemlösungseinstellung hatte, sondern häufig erst auf den letzten Drücker eine Veränderung vornahm oder zuerst monatelang im Stillen litt, bis jemand anders mir eine Lösung vorschlug.
2018 brachte der Herbst für mich ausnahmsweise mal keine großen Veränderungen mit sich. Außer, dass mein Bruder von da an immer schon zu Hause war, wenn ich aus der Schule kam, da er sein Fernstudium begonnen hatte. Eine kleine Veränderung bei mir fällt mir doch ein: Seit Oktober 2018 habe ich auch „Sky“, was bedeutet, dass ich seitdem jedes Champions League-Spiel des FC Barcelona sehen kann, und nicht nur manche.
Wie zu Beginn des Textes erwähnt, ist der Übergang zwischen Sommer und Herbst auch eine Zeit, um zu reflektieren. Das tat ich 2019 in der Nacht vor dem ersten Schultag. Ich lag im Bett und brauche lange, um einzuschlafen, denn ich dachte intensiv über die hinter mir liegenden Sommerferien nach und darüber, wie gut sie mir gefallen hatten. Warum fand ich sie so gut? Waren wir auf Urlaub? Nein. Wir waren einfach den ganzen Sommer über sehr häufig draußen und gingen oft etwas gutes Essen. (Also eigentlich genau wie auch im diesjährigen Sommer.) Auch blickte ich zurück auf unzählige spannende Stunden, in denen ich Fifa gespielt hatte.
Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass bald ein sehr herausforderndes, aber auch nachhaltig prägendes Ereignis auch mich zukommen würde. Ebenfalls noch nichts Böses ahnte ich, als ich kurz vor den Herbstferien die ersten Erkältungssymptome spürte. Doch keine zehn Tage später befand ich mich auf der Intensivstation! Zwölf Tage musste ich dortbleiben. Nach meiner Entlassung änderten sich zu Hause einige Dinge. Ich bekam ein neues Bett, nämlich eines mit Verstell-Funktionen, ich benutzte erstmals den Patientenlift, mit dem sich der Stuhlgang verglichen mit vorher deutlich angenehmer gestaltete, und wir bekamen mit Thijs Niesten einen neuen Physiotherapeuten. Den Kontakt zu ihm hatten wir von einer Physiotherapeutin im Krankenhaus bekommen.
Auch 2020 hatten wir einen recht guten Sommer. Die Pandemie, oder zumindest das Gröbste davon, schien überstanden, die Situation wirkte nicht bedrohlich und wir waren häufig draußen unterwegs. Neu war, dass ich jetzt einen Elektrorollstuhl hatte, wodurch ich mich im Freien selbstständig fortbewegen konnte. Gegen Ende des Sommers beschloss ich, meinen alten, unmotorisierten Rollstuhl gar nicht mehr zu nutzen und stattdessen auch für zu Hause Vollzeit auf den Elektrorollstuhl zu setzten. Kurz darauf stellte sich noch eine Veränderung ein, oder anders gesagt: Es war, als wären wir wieder ein halbes Jahr zurückversetzt worden. Die Infektionszahlen stiegen stark an, sodass ich nach den Ferien weiterhin im Home-Schooling verblieb. Mir stand eine nicht so einfache Zeit bevor, in der ich monatelang am Stück nie draußen war.
Nach meiner erfolgreichen Matura begann ich im September 2021 mein Fernstudium in Robotics. Dies war nicht die einzige einschneidende Veränderung zu dieser Zeit, denn bereits kurz darauf entdeckte ich das erste Mal Musik von Bon Iver. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie viel mir dieser Zufallsfund im Nachhinein bedeuten und wie sehr er die folgenden Jahre beeinflussen würde. Was ich aber schnell bemerkte, war, dass mir diese Musik dabei half, Sorgen und negative Gedanken zu besänftigen oder für einen Moment ganz zu vergessen.
Einer der Gründe, warum ich zu der Zeit nicht immer so gut drauf war: Beim Aufwachen in der Nacht oder am Morgen fühlte ich mich regelmäßig körperlich unwohl mit Kopfschmerzen oder schnellem Herzschlag. Was mir zu Beginn des Jahres nur selten aufgefallen war, konnte nun nicht mehr unbemerkt bleiben: Meine Sauerstoffversorgung war nachts nicht mehr immer hundertprozentig so, wie sie hätte sein sollen. Das wirkte sich auch auf tagsüber aus durch Abgeschlagenheit oder einzelne Herzstolperer, die mir wiederum psychisch zu schaffen machten.
Die Lösung lag auf der Hand: Mein bis dahin unberührtes Beatmungsgerät aus dem Kasten holen und es in der Nacht benutzen! Leider konnte oder wollte ich mich nicht sofort daran gewöhnen, obwohl ich wusste, dass es nicht mehr lange ohne nächtliche Beatmung weitergehen konnte. Erst im Dezember 2021 fing ich richtig damit an. Ich hatte eben Zeit gebraucht, um die Veränderung zu akzeptieren und mich auch zur konsequenten Nutzung des Beatmungsgeräts zu überwinden. Als diese Anfangsphase überwunden war, wurde mir schnell klar, dass die Nachtbeatmung mein Leben insgesamt verbesserte.
Mit neuer Zuversicht erlebte ich das Jahr 2022 als eines, in dem ich mich unbeschwerter fühlte als teilweise in den zwei Jahren zuvor. Auch wenn es im Herbst an sich keine nachhaltigen Veränderungen gab, ereigneten sich doch zwei Dinge, die mental bei mir etwas veränderten. Sie bewirkten eine positive Verschiebung dessen, was ich in meiner Situation für möglich gehalten hatte: Anfang September 2022 war ich das erste Mal seit vier Jahren wieder im Strandbad. In den Jahren davor hatte ch bereits damit abgeschlossen, überhaupt nochmal baden gehen zu können. Ich glaubte, dass es für mich einfach nicht mehr möglich sei. Angesichts der Tatsache, dass ich seit 2022 jedes Jahr einmal baden war, kann ich aus jetziger Sicht kaum glauben, dass ich so pessimistisch war. Ich hätte mir einfach nur eine neue Lösung suchen und diese ausprobieren müssen, was ich 2022 schließlich getan habe.
Zwei Monate später gab es ein weiteres horizonterweiterndes Ereignis: Mein Papa und ich fuhren mit dem Zug nach Berlin, damit ich mir den Traum erfüllen konnte, ein Konzert von Bon Iver zu besuchen. Mit so etwas hätte ich ein Jahr zuvor nie gerechnet. Während es sich in den paar Jahren zuvor immer wieder so angefühlt hatte, als wären Stück für Stück immer weniger Dinge möglich, tat es unfassbar gut, zu sehen, dass es auch in die andere Richtung gehen konnte. Also dass Aktivitäten, die vermeintlich nicht mehr möglich sind, doch wieder auf eine bestimmte Art möglich gemacht werden können.
Im Herbst 2023 kam ich mit meinem Robotik-Studium kaum mehr voran. Ich fühlte mich wie in einer Sackgasse und flüchtete mich häufig in meinen Blog. In deutscher Sprache zu schreiben, lag mir einfach viel mehr, als eine Programmiersprache zu lernen, um ein Projekt zu bearbeiten, bei dem mir bereits beim Lesen der Aufgabenstellung vorkam: „Ich verstehe nur Bahnhof.“ Programmieren war überhaupt nichts für mich, wie ich nun bemerkte. Die erste Hälfte des Studiums war noch einfacher und eher nach meinem Geschmack gewesen.
Bei der Wahl des Studiengangs, im Sommer 2021, war ich zu sorglos vorgegangen. Ich hatte bei solch großen Veränderungen wie dem Übergang zwischen Schule und Studium generell kein spezielles Ziel vor Augen und eben keine fixe Vorstellung, was ich studieren wollte. Ich ließ mich eher ein wenig treiben. Der Gedanke, mich bald für ein Studium entscheiden zu müssen, stresste mich ein bisschen. Und da für mich nur ein Fernstudium in Frage kam, war die Auswahl an Universitäten nicht riesig. Statt mich wirklich zu fragen, was ich gut kann und wie mein späterer Beruf aussehen könnte, wähle ich einen Bereich, der spannend klang, ohne vorher viel mit Robotik zu tun gehabt zu haben. Ich wusste zwar, dass in diesem Studium irgendwann „Programmieren“ vorkommen würde, hatte jedoch keine Vorstellung davon, wie wenig ich mit Programmieren anfangen können würde.
Im November 2023 verfiel ich in eine kurze Art Sinnkrise, in der ich alles hinterfragte und nach ein paar Tagen zu dem Schluss kam, das Robotics-Studium nicht mehr fortführen zu wollen und stattdessen Journalismus zu studieren. Dort könnte ich mir mein Schreibtalent zunutze machen und sah auch beruflich Optionen, die mir deutlich realistischer vorkamen und in denen ich mich viel eher sah. Was ich zwei Jahre zuvor nicht hatte, war nun hier: Ein konkretes Ziel und der Antrieb, mich aktiv für eine große Richtungsänderung in meinem Leben zu entscheiden. Gefühlt war es das erste Mal, dass eine richtig große, radikale Veränderung komplett von mir ausging, und nicht von äußeren Umständen, auf die ich wenig bis gar keinen Einfluss hatte, oder weil andere Menschen mich in eine bestimmte Richtung lenkten. Kein Wunder, dass sich meine Entscheidung zum Studienwechsel wie ein großer Befreiungsschlag anfühlte!
Der Herbst 2023 bleibt aber auch noch wegen einer anderen Sache in Erinnerung. Nicht wegen einer Veränderung, sondern als die Zeit vor einer großen Veränderung, die sich dann erst im Winter vollzog. Einen Tag nach Neujahr 2024 kam mein Bruder mit einem Darmverschluss ins Krankenhaus, was eine Welle der großen Veränderung ins Rollen brachte. Der jetzige Zeitraum (September 2026) ist insofern interessant, als dass ich jetzt fast auf den Tag genau so alt bin, wie mein Bruder es war, als er den Darmverschluss hatte. Ich habe keine Angst, dass mir genau jetzt dasselbe passieren wird, aber es ist eben etwas, das mich zum Nachdenken anregt. In den letzten ein, zwei Jahren rechne ich immer wieder, wann mein Bruder so alt war, wie ich es in dem jeweiligen Moment bin. Manchmal vergleiche ich auch Zeitpunkte aus der Vergangenheit. Zum Teil versuche ich dann, im Kopf zu vergleichen, wem von uns es zu den jeweiligen Zeitpunkten wie ging. Es dient mir auch irgendwie zu Orientierung, um abzuschätzen, wie lange eine bestimmte Sache für mich noch möglich sein wird. Allerdings hinkt der Vergleich in manchen Bereichen und fühlt sich teilweise an wie an den Haaren herbeigezogen. Dennoch ist es für mich eine interessante Rechenspielerei. Solche Vergleiche und Rechnereien führen mir vor Augen, wie schnell die Zeit vergeht und dass auch ich jederzeit von unangenehmen Ereignissen und Realitäten eingeholt werden kann. Wenn mein Bruder bereits vor seinem 25. Geburtstag invasive Beatmung benötigte, kann mir theoretisch dasselbe passieren. Ein medizinischer Notfall, der einen operativen Eingriff erfordert, und schon könnte es mich erwischen! Ich versuche, wenig darüber nachzudenken, was mir bis jetzt gut gelungen ist.
Vor zwei Jahren begann ich abends vor dem Schlafen im Bett noch meinen Computer zu benutzen, indem ich ihn an meinen Beamer anschließe. Somit kann ich mich früher hinlegen und trotzdem mehr erledigen. Ob mit „erledigen“ Arbeit für mein Studium oder eine sinnlose, aber interessante Aktivität gemeint ist, schwankt von Zeit zu Zeit. Etwa zur selben Zeit gab es eine weitere positive Entwicklung: Ich gewöhnte mich besser an die neuen Umstände mit neuen Pflegerinnen, die mein Bruder seit seiner Krankenhausentlassung mit invasiver Beatmung hat. Über Nacht betreuen sie auch mich, weshalb ich ebenfalls mit einige neuen Leuten zurechtkommen musste. Als ich im Herbst 2024 langsam besser auf die veränderte Situation eingestellt war, spürte ich, dass es mir auch mental besserging.
Letzten Herbst probierte ich das erste Mal Trinknahrung aus. Wenig später fing ich an, meine Beatmung auch am Tag zu benutzen. Zunächst nur eine Stunde täglich. Diese beiden Veränderungen haben etwas gemeinsam: Ich allein habe mich dazu entschlossen, obwohl mir beides noch gar nicht besonders dringend vorkam. Darin zeigt sich eine allgemeine Veränderung in meinem Denken und Handeln: Ich treffe derartige Entscheidungen jetzt nicht nur selbstständig und eigenverantwortlich, sondern auch vorsorglich und mit Weitsicht. Ich warte nicht mehr bis zum letztmöglichen Moment, sondern handle schon früher. Wie ihr an den Beschreibungen von früheren Jahren sehen könnt, habe ich lange gebraucht, um an diesen Punkt zu gelangen.
Jetzt, wo der Herbst wieder anfängt, kann ich reflektierend auf den gerade zu Ende gegangenen Sommer zurückzublicken: Unzählige Male waren mein Bruder und ich irgendwo in der Stadt oder am See essen. Zu Beginn des Jahres hätte ich damit nicht gerechnet, denn in den ersten zwei Jahren, seit mein Bruder invasiv beatmet ist, war er fast nie draußen. Es ist, als hätte er einen Schalter umgelegt! Ende August sind wir gemeinsam mit der Pfänderbahn gefahren. Für mich war es das erste Mal seit zwölf Jahren! In der Kindheit waren wir regelmäßig auf dem Pfänder, doch danach hat mich der Berg jahrelang nie interessiert. Dieser Sommer zeigte mal wieder, dass die Aktivitäten im Leben von meinem Bruder und mir nicht zwangsläufig stets weniger werden, sondern sie manchmal auch wieder zunehmen können. Nach den letzten zwei Sommern hätte ich beispielsweise nicht darauf kommen können, dass mein Bruder plötzlich wieder so oft die Wohnung verlassen würde und wir sogar gemeinsam am Pfänder herumfahren würden! Manchmal wird man vom Leben – oder von seinem Bruder – positiv überrascht!
Und was werden die nächsten Monate bringen? Ich weiß es nicht, denn Prognosen sind meist schwierig. Besonders, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Was für mich als Fußballfan aber jeder Herbstbeginn bringt: Eine neue Saison, die mit Veränderung, oder zumindest mit Aufbruchsstimmung einhergeht. Auch für den FC Barcelona bedeutet eine neue Saison neue Spieler, manchmal einen neuen Trainer, veränderte Taktiken, neue Hoffnung auf eine glorreiche Saison und immer die spannende Frage: Wie wird diese Saison lauf? Wird sie in etwa gleich erfolgreich werden wie die letzte? Weniger erfolgreich? Oder noch besser? Reicht es diesmal vielleicht sogar zum großen Wurf, dem Gewinn der Champions League? Momentan sind diese Aufbruchsstimmung und Hoffnung wieder sehr stark spürbar. Offensiv scheint die Mannschaft noch besser drauf zu sein als in den letzten zwei Saisons. Die neuen Spieler für die Offensive haben sofort gefruchtet und die Offensivspieler, die schon länger hier sind, treffen so oft wie nie zuvor! Nach sieben Spielen gibt es sieben Siege und ein Torverhältnis von 33:7!
Veränderungen und prägende Ereignisse können gut oder schlecht sein. Ohne sie wäre man nicht der Mensch, der man ist. Manche Veränderungen scheut man, auch manche Veränderungen, die sich während des Herbstes vollziehen: Der warme, sonnige, helle Sommer ist zu Ende, es ist wieder kälter und jeden Tag wird es noch früher dunkel. Was dann kommt, wissen wir alle: Kalte, dunkle Wintermonate. Doch der Herbst hat auch seine schönen Seiten: Keine unerträgliche Hitze mehr, keine Mücken, die Blätter verfärben sich in verschiedene Farben und es wird Zeit für Kerzen, Kürbisse und kreative Herbstdekorationen. Da gerade der Herbst diese Doppeldeutigkeit verkörpert, ist es sehr passend, dass es in meinem Leben zu der Jahreszeit oft Veränderungen gab, die teilweise positiv, teils aber auch negativ waren.



Lieber Paul, danke!
PS: Du hast dich für das richtige Studium entschieden.