Wird das noch was? – Unsere Reise zum FC Barcelona (Teil 1/2)
Aktualisiert: 18. Mai
Vor 19 Tagen sind wir - mein Vater, ich und mein ehemaliger Physiotherapeut Thijs - von unserer Barcelona-Reise zurückgekehrt. Es ist also Zeit für meinen großen Reisebericht! Was war der Grund für unsere Reise? Ich bin seit bald zwölf Jahren Fan des FC Barcelona und nachdem mich ein Stadionbesuch jahrelang nie gereizt hätte, änderte sich meine Meinung vor etwa drei Jahren doch noch. Aus meinen Gedanken entwickelte sich irgendwann ein konkreter Wunsch und plötzlich fanden wir uns bereits mitten in der Planung. Da mein Vater den weiten Weg nach Barcelona mit mir nicht allein auf sich nehmen wollte, wandte ich mich nach langem Zögern an Thijs, der sich tatsächlich bereiterklärte, uns zu begleiten.
Im Februar organisierten wir den Großteil: Zu nennen sind hierbei allen voran Hotels und Zugtickets. Ja, richtig gelesen: Mit dem Zug nach Barcelona! Flugreisen sind in meinem Fall nicht machbar. Daher auch Hotels, Mehrzahl, denn innerhalb eines Tages wollten wir uns die gesamte Fahrt von Bregenz nach Barcelona nicht antun. Die Lösung: Zwischenübernachtungen in Paris. Warum Paris? Den Grund erfahrt ihr in dem Text, den ich vor drei Wochen veröffentlicht habe.
Was ich ebenfalls bereits im letzten Text erwähnt habe: Die Beschaffung der Tickets für das Fußballspiel war erst sehr kurzfristig möglich. Zumindest für Rollstuhlfahrer und deren Begleitpersonen. Alle anderen konnten ihre Tickets bereits weit im Voraus kaufen. Hätte Thijs auch mit ins Stadion gehen wollen, hätte er seine Karte also schon lange vor uns kaufen können. Allerdings ist er nicht besonders fußballinteressiert und hatte sich daher recht früh festgelegt, auf den Stadionbesuch zu verzichten. Den Kartenkauf für meinen Vater und mich konnte ich erst fünf Tage vor Antritt unserer Reise in die Wege leiten! Aber an diesem Tag bekam ich die Karten noch nicht digital zugeschickt. Natürlich nicht! Das wäre ja viel zu einfach!
Stattdessen hieß es nach erfolgreicher Eingabe der Kreditkarteninformationen, dass die Tickets normalerweise 72 bis 48 Stunden vor Spielbeginn „generiert“ werden. Zu diesem Zeitpunkt erfolge die automatische Abbuchung von der Kreditkarte und ich bekäme ein Formular zugesandt, in das ich die persönlichen Details beider Zuseher (also von meinem Vater und mir) eintragen müsse. Die Karten selbst bekomme man dann zwischen 24 und drei Stunden vor dem Spiel per E-Mail zugeschickt. Der Gedanke daran, dass die Karten mit hoher Wahrscheinlichkeit erst am Tag des Spiels eintreffen würden, löste in mir leichtes Unbehagen aus. Ich zweifelte zwar nicht daran, dass alles wie beschrieben funktionieren würde, dachte mir aber: „Stell dir vor, es würde einfach kein E-Mail kommen und die Karten kämen nie bei mir an…“ Es war kein ernster Gedanke, nur eines dieser hypothetischen Szenarien, die sich mein Gehirn ausdenkt, um mich zu verunsichern. Oder hatte mein Gehirn eine gewisse Vorahnung?
Das Spiel war auf Mittwoch, den 22. April, um 21:30 Uhr angesetzt. Gemäß den Informationen, die ich hatte, rechnete ich also damit, zwischen Sonntag 21:30 und Montag 21:30 das Formular zu erhalten…
Unsere Reise: erster Tag
Es war Sonntag, der 19. April, und mein Tag begann, vor allem für meine Verhältnisse, sehr früh. Zufälligerweise wachte ich fast exakt um 6:30 Uhr von selbst auf. Als wenige Minuten danach mein Vater in mein Zimmer kam, um mich aus dem Bett zu holen, wurde ich also nicht aus dem Tiefschlaf gerissen, sondern fühlte mich bereits recht munter. Am Vortag war ich um elf Uhr abends schlafbereit ins Bett gegangen, dann aber noch lange wachgelegen und erst um ein Uhr herum eingeschlafen. Trotzdem spürte ich nun wenig Müdigkeit, dafür jedoch eine körperliche Anspannung. Die Aufregung war gerade sehr stark und meine Gedanken riefen: „Ich träume nicht, das hier ist echt. Jetzt ist der Tag gekommen! Jetzt geht‘s los! Alles muss jetzt glatt laufen! Wir müssen es rechtzeitig zum Bahnsteig schaffen!“
Eigentlich hatten wir mehr als genug Zeit, denn unser Zug ging erst um neun Uhr. Um den Morgen nicht mit komplett leerem Magen überstehen zu müssen, nahm ich nach dem Aufstehen eine Miniportion Joghurt zu mir. Vielleicht würde sich ja später im Zug noch ein richtiges Frühstück ausgehen. Bevor wir uns mit unserem Gepäck in die Tiefgarage zum Auto aufmachten, musste mein Vater noch einiges von mir einpacken, da ich manches in der Nacht noch gebraucht hatte, zum Beispiel ein paar Stützkissen. Auch mein FC Barcelona-Trikot war noch nicht dabei, denn ich hatte es am Vortag nicht gefunden. Aber ich hatte Glück: Meine Mutter ging schnell in mein Zimmer und kam keine Minute später mit dem Trikot zurück! Mütter eben, die finden einfach alles auf einen Blick!
Unsere beiden größten Gepäckstücke waren ein prall gefüllte Rollkoffer und ein voluminöser Rucksack, der so vollgepackt war, dass er oben nicht richtig geschlossen werden konnte. Immerhin waren in ihm vor allem größere, unempfindliche Gegenstände, die so dicht aneinander gepackt waren, dass sie gar nicht herausfallen konnten. Mein Beatmungsgerät und mein Hustenunterstützungsgerät, das ich jeden Morgen nach dem Aufstehen benutze, mussten natürlich auch mit. Für beide habe ich jeweils eine eigens dafür vorgesehene Tasche. An meinem Rollstuhl hing außerdem noch meine kleine Alltagstasche, die ich immer dabeihabe, wenn ich die Wohnung verlasse. Sie enthält diverse Gegenstände, die ich brauchen könnte, wie Strohhalme oder meine Urinflasche.
Um Viertel nach Acht verließen wir die Wohnung, obwohl wir geplant hatten, sie schon um acht Uhr zu verlassen. Immer noch mehr als genug Zeit, trotzdem stresste es mich ein wenig, nicht genau im Zeitplan zu sein. Meine Mutter fuhr meinen Vater und mich zum Bahnhof, wo wir noch am Parkplatz von Thijs begrüßt wurden. Zu viert machten wir uns auf zu Bahnsteig vier. Wir waren mehr als pünktlich und mussten noch fünfzehn Minuten am Bahnsteig stehen. In der Zwischenzeit verabschiedete sich meine Mutter. Draußen war es recht kalt und mit jeder weiteren Minute fühlten sich meine Finger steifer an, obwohl sie von einem Schal und einer Jacke bedeckt waren und ich unter den Händen kleine Wärmeakkus hatte. Doch die Wärme konnte die Finger, die am Joystick des Rollstuhls positioniert waren, kaum erreichen.
Als der Zug einfuhr, standen bereits zwei Bahnhofsmitarbeiter mit der Einstiegshebebühne bereit. Wir hatten uns bereits mehrere Tage im Vorhinein angekündigt. Meine Finger waren jetzt so kalt und unbeweglich, dass ich den Joystick kaum in Bewegung setzen konnte. Was tun? Hinten am Rollstuhl gibt es einen zweiten Joystick, der dazu da ist, damit eine Begleitperson den Rollstuhl steuern kann. Somit übernahm mein Vater das Steuer und fuhr mich über die ausgeklappte Rampe auf die Hebebühne, die einer der Arbeiter dann durch ein Fußpedal nach oben „pumpte“. Oben angekommen musste mein Vater den Rollstuhl durch die Tür manövrieren, was für eine Person, die nicht selbst darinsitzt und daher wenig Erfahrung im Steuern hat, nicht die leichteste Aufgabe ist. Den Umständen entsprechend schaffte er es souverän, außer, dass er mit dem linken Vorderrad kurz hängenblieb.

Jetzt hätte ich noch etwas frühstücken können, wollte mich nach diesem stressigen Morgen aber erstmal sammeln. Nach einer halben Stunde wurde mir langsam klar, dass ich in diesem Zug lieber nichts essen wollte. Ich hatte ein Deja-vu: „Damals war es auch dieser Zug…“ 2022 auf der Rückfahrt vom Bon Iver-Konzert waren wir auf dem Abschnitt von München bis Bregenz in diesem Zug gesessen. Jetzt waren wir von Bregenz nach Zürich unterwegs, als wäre es die Fortsetzung einer Zugfahrt, die wir dreieinhalb Jahre zuvor angefangen hatten. Und was hat das damit zu tun, nichts essen zu wollen? Damals hatte ich mit zunehmender Fahrtdauer ein sich langsam verstärkendes Übelkeitsgefühl entwickelt. Nicht so schlimm, dass ich dem Erbrechen nahe gewesen wäre, aber doch schlimm genug, dass ich nicht mehr ans Essen denken mochte. Und das schien sich jetzt fortzusetzen, denn ich spürte, wie wieder langsam dieses Gefühl begann. Es lag eindeutig am Zug, denn wann immer er eine Kurve fuhr, neigte er sich stark zur Seite. Auf dieser recht kurvenreichen Strecke kam es mir vor, als ob ich seekrank werden würde. (Aber eigentlich müsste es dann „schienenkrank“ heißen, da Züge nicht auf See fahren, sondern auf Schienen…)
Als wir nach etwa 85 Minuten Fahrt in Zürich ankamen, setzte sofort Linderung ein. Uns standen nun drei Stunden Aufenthalt im Züricher Hauptbahnhof bevor. In einer Bahnhofsbäckerei mit Tischen zum Verweilen aß ich ein Caprese-Sandwich. Auch ließ ich mich für eine Stunde an mein Beatmungsgerät anschließen, das ich seit einigen Monaten auch am Tag zwischendurch benutze. Während einer anstrengenden Reise ist dies besonders sinnvoll. Um 13 Uhr begaben wir uns zu Bahnsteig 16, wo ein doppelstöckiger TGV auf uns wartete. Der Einstieg war nahezu ebenerdig und die ausgelegte Rampe diente hauptsächlich dazu, dass mein Rollstuhl den Spalt zwischen Bahnsteig und Zug überwinden konnte. Anschießend fuhr der Boden im Eingangsbereich des Zugs etwa dreißig Zentimeter nach unten und ich konnte zu meinem Platz in der unteren Etage fahren.
Wenn der Zug gerade besonders schnell fuhr, wurde die Geschwindigkeit manchmal auf einem Bildschirm angezeigt. Auf manchen Abschnitten rasten wir mit knapp über 300 km/h durchs Land. Durch die Fenster sahen wir grüne Natur, viel Flachland und riesige Rapsfelder. Thijs fühlte sich beim Anblick dieser Landschaft stark an sein Heimatland Niederlande erinnert. Glücklicherweise wurde mir im TGV nicht schlecht und ich konnte während der vierstündigen Fahrt auch etwas Essen. Warme Speisen gab es in Gläsern, die mein Vater vom Speisewagen zu unseren Plätzen brachte.
In Paris wurden wir vom Bahnsteig weg bis nach draußen zur Straße begleitet. Von dort aus war unser Hotel nur noch etwa hundert Meter entfernt. Während Thijs kurz nach dem Einchecken gleich joggen ging, ruhten mein Vater und ich uns etwas aus. Unser Zimmer befand sich im 12. Stock und durch die großen Fenster hatten wir einen unglaublichen Ausblick auf Paris! Für ein recht spätes Abendessen trafen wir uns mit Thijs unten im Hotelrestaurant.
Zweiter Tag
Am nächsten Morgen musste ich das große Geschäft verrichten. Dazu nutzte ich einen Patientenlift, den wir bei einem Verleih gemietet hatten, der diverse Hilfsmittel direkt an die gewünschte Adresse liefert. Dasselbe hatten wir auch für Barcelona organisiert. Den Lift, den ich zu Hause benutze, könnten wir zwar zusammenklappen und mit auf Reisen nehmen, aber er wäre immer noch sehr groß und meine beiden „Reisebegleiter“ hatten ohnedies genug Gepäck zu schleppen.
Dass wir hier einen anderen Patientenlift hatten als zu Hause, hätte den Toilettengang schon abenteuerlich genug gemacht. Das enge Badezimmer setzte dem Ganzen die Krone auf. Wir hatten zwar ein barrierefreies Zimmer gebucht, aber nachdem wir beim Beziehen des Zimmers das Bad sahen, warfen wir einen Blick auf den Stockwerksplan, wobei uns auffiel, dass das barrierefreie Zimmer jenes neben unserem war. Wir hätten natürlich an der Rezeption fragen können, ob wir in ein barrierefreies Zimmer wechseln könnten. Doch mein Vater schien es als Challenge zu sehen, mich mit dem Lift in das enge Bad und wieder hinauszubringen. Aber nicht, weil er Herausforderungen liebt, sondern weil er sich lieber abmüht bis er an seine Grenzen kommt, als kurz jemanden um Hilfe zu fragen oder um etwas zu bitten. Mit häufigem Anstoßen und viel Gewürge gelang es ihm tatsächlich, mich im Lift nah genug an die Toilette zu bringen.
Das Frühstück konnten wir entspannt angehen, denn der Zug nach Barcelona fuhr erst um 14:42 Uhr. Trotzdem gingen wir, nachdem wir um zwölf aus dem Hotel auschecken mussten, direkt zum Bahnhof. Dort hatten wir Zeit, uns im Gebäude umzusehen und einen gemütlichen Ort zum Warten zu finden. Nachdem wir den Bahnhof komplett durchquert hatten, entschieden wir uns für einen Platz im Freien bei den sonnigen, windgeschützten Betonbänken. Gegenüber von uns befand sich eine Bahnhofstoilette, bei der es sogar thematisch passende Souvenirs zu kaufen gab, wie etwa Klopapierrollen in verschiedenen Farben. Während wir warteten, bekam Thijs am Handy eine Nachricht, die ihn daran erinnerte, dass wir für den morgigen Tag Tickets für eine Besichtigung der Sagrada Familia hatten. Da fiel mir ein, dass ich vom FC Barcelona bis jetzt noch kein Formular für die Fußballtickets zugeschickt bekommen hatte. Laut dem angegebenen Zeitrahmen musste das E-Mail spätestens um 21:30 Uhr kommen. Ich musste mir also noch keine Sorgen machen, denn bis dahin waren noch acht bis neun Stunden Zeit.
Um halb drei am Nachmittag nahmen wir im Zug unsere Plätze für die nächsten sieben Stunden ein. Es war wieder ein TGV, doch die Essensoptionen waren diesmal weniger überzeugend. Ich entschied mich für ein Art Hamburger, der leider ziemlich trocken schmeckte. Zu viel Wasser dazu trinken wollte ich jedoch auch nicht, denn in die Zugtoilette hätte ich mit meinem Rollstuhl womöglich gar nicht hineingepasst. Zwar müsste ich zur Benutzung meiner Urinflasche theoretisch nicht direkt im Toilettenraum sein, aber vor der Klotür im öffentlich zugänglichen Raum mein Geschäft zu verrichten, stelle ich mir doch als etwas unangenehm vor.

Gegen Abend wurde die Landschaft, die an uns vorbeizog, richtig interessant. Wir sahen manchmal das Meer und fuhren an ein paar schönen Städtchen vorbei. Für die letzten eineinhalb Stunden benutzte ich mein Beatmungsgerät, da ich das an diesem Tag noch nicht getan hatte. Beim Verlassen des Zugs in Barcelona musste ich die Ausstiegsrampe aufwärtsfahren, da der Bahnsteig höher war als in Paris oder Zürich. Ein Bahnhofsmitarbeiter führte uns anschließend zum Aufzug. Erleichtert triumphierend verließen wir das Bahnhofsgebäude: „Wir haben’s geschafft! Wir sind wirklich in Barcelona!“ Das Hotel lag nur eine Straßenüberquerung von uns entfernt.
Gegen 22:00 Uhr bezogen wir die Zimmer. Nachdem ich mich mit dem W-Lan verbunden hatte und meine E-Mail checkte, erhielt die ausgelassene Stimmung einen Dämpfer: Das Formular für die Fußballtickets war noch nicht gekommen, obwohl das Spiel in etwas weniger als 48 Stunden begann. Verunsichert schrieb ich dem Auskunftsbüro des FC Barcelona ein E-Mail, in dem ich nachfragte, ob das Formular denn schon noch komme, und um eine möglichst rasche Antwort bat. Da wir nicht wussten, wann eine Antwort kommen würden, schmiedeten mein Vater und ich bereits den Plan, morgen Vormittag direkt zum Auskunftsbüro neben dem Stadion zu fahren, um persönlich nachzufragen, was Sache sei.
Dritter Tag
Beim Betreten des Frühstücksbereichs, der sich ganz oben im 23. Stock befand, staunten wir nicht schlecht über den unglaublichen Ausblick auf die ganze Stadt. Das ungefähr eineinhalb Kilometer entfernte Camp Nou sah richtig groß aus und war von mehreren Baukränen umgeben. Dass die Umbauarbeiten noch nicht abgeschlossen waren, ließ sich auch an der unfertig wirkenden Außenfassade erkennen. Als ich an die Fenster auf der anderen Seite des Raumes heranfuhr, konnte ich die Sagrada Familia erblicken.
Das, was ich vom überaus vielfältigen Frühstücksbuffet ausgesucht hatte, konnte ich nicht vollends genießen, denn irgendwie hatte ich nicht gerade viel Appetit und fühlte mich angespannt. Die Unklarheit wegen den Fußballkarten stresste mich. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Lift noch eine Ebene nach oben, um kurz die Dachterrasse zu erkunden, die nahezu einen 360-Grad-Ausblick bot. So entdeckte ich auch das Olympiastadion, in dem der FC Barcelona zwei Jahre lang seine Heimspiele ausgetragen hatte. Sogar ein kleiner Swimmingpool befand sich auch dieser Terrasse. Auch wenn die Sonne hier oben richtig herunterbrannte, war uns die Umgebungstemperatur zu kalt zum Baden. Außerdem hatten wir jetzt anderes zu erledigen.
Nachdem wir uns kurz ins Zimmer zurückgezogen hatten, trafen wir uns in der Lobby wieder mit Thijs und begannen unseren Marsch Richtung Camp Nou. Thijs hatte die Route in Google Maps eingegeben und übernahm nur die Rolle des Tourguides. Wir wollten es zu Fuß schaffen. Oder wie sagt man in meinem Fall richtig? Zu Rollstuhl? Falls uns die Strecke doch zu lang geworden wäre, hätten wir die nächstgelegene U-Bahnhaltestelle aufsuchen können. Doch wir schafften es ohne U-Bahn. Meine Finger, die ich am Joystick hatte, mussten auf dem Weg nur hin und wieder leicht adjustiert werden.
Um zum Auskunftsbüro zu gelangen, mussten wir noch ein Stück um das Stadion herumlaufen. Jetzt, wo ich das Äußere des Stadions zum ersten Mal in echt und aus der Nähe sah, bekam ich nochmal ein ganz anderes Gefühl davon, was für ein Koloss das Camp Nou ist. Schließlich kamen wir etwas abseits vom Stadion bei einem Eingangstor an. Auf der Fläche befanden sich Ticketkassen und ein Bar-Restaurant mit Tischen im Freien, auf einem Infoschild war angezeigt, wo es zum Auskunftsbüro ging. Wir mussten am Restaurant vorbei und dann nach hinten zu einem Gebäudeeingang. Nun befanden wir uns in einem großen Raum. Vor uns eine Art Rezeption, von uns aus gesehen links davon mehrere Bürotische mit Computern.
Nachdem wir uns bemerkbar gemacht hatten, nahmen wir Platz und warteten. Nach wenigen Minuten kam jemand aus einem Nebenraum zu uns, um sich unseres Falles anzunehmen. Die Anspannung stieg. In wenigen Augenblicken würde sich möglicherweise entscheiden, ob sich unsere weite, beschwerliche, monatelang geplante Reise überhaupt gelohnt hatte. Mein Vater beschrieb ihm unser Anliegen, woraufhin uns erklärt wurde, dass die Abbuchung des Geldbetrages erst im Laufe des heutigen Tages erfolge und wir dann auch das Formular zugesandt bekämen. Dieses müssten wir ausfüllen, um dann entweder noch am selben oder im Laufe des folgenden Tages die Karten zu bekommen.
Puh! Eine schwere Last fiel von uns ab! Die Reise schien gerettet, wir konnten entspannen. Verwirrend, dass die Zeitangaben, die ich in der Vorwoche erhalten hatte, offensichtlich so unzuverlässig waren. Aber immerhin hatte es bei diesen Angaben auch nur geheißen, das Formular komme NORMALERWEISE 72 bis 48 Stunden vor Spielbeginn. Und für dieses Spiel kam es eben später. Wenn der Herr im Büro das sagte, musste es wohl stimmen.
Jetzt konnten wir uns in Ruhe eine Kleinigkeit zu Essen gönnen. Danach mussten wir gleich weiter zur Sagrada Familia, wofür wir erstmal die nächste U-Bahnstation ausfindig machen mussten. Um in die U-Bahn zu gelangen, musste ich mit dem Rollstuhl an das Ende des Bahnsteigs fahren, wo sich eine fix verbaute, mehrere Meter breite Rampe befindet, die einen barrierefreien Ein- und Ausstieg ermöglicht. Die Besichtigung der Sagrada Familia beeindruckte mich sehr. Die Kathedrale ich nicht nur unvorstellbar riesig, sondern auch ein einzigartiges Kunstwerk.
Auf der Rückfahrt zum Hotel kam es zu einer kleinen Panne: Bei der Station, bei der wir aussteigen mussten, war die U-Bahn ein paar Meter weiter vorne stehengeblieben, sodass bei unserer Tür keine Rampe war. Ich musste also ein paar Meter durch die volle U-Bahn fahren, um zur nächsten Tür zu gelangen. Thijs musste sogar einen Rollator einer alten Dame kurz zur Seite schieben, um Platz für mich zu schaffen.
Zurück im Hotelzimmer öffnete ich meine E-Mails. Ich hatte mehrere E-Mails vom FC Barcelona bekommen. In einem davon musste wohl das heißersehnte Formular enthalten sein. Das erste E-Mail, das ich anklicke, war auf Spanisch und ich wusste auf die Schnelle nicht, worum es ging. Aber ich hatte auch eines in Englisch erhalten. Ich erschrak, als ich den ersten Satz las…



Du kannst doch nicht an der spannendsten Stelle aufhören!!😉