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Doch noch ein Happy End? – Unsere Reise zum FC Barcelona (Teil 2/2)

  • Autorenbild: Paul Wechselberger
    Paul Wechselberger
  • 18. Mai
  • 14 Min. Lesezeit

Das darf doch nicht wahr sein! Ich hatte kein Formular erhalten, sondern wurde darüber informiert, dass die Abbuchung von der Kreditkarte nicht funktioniert habe. Immerhin stand im nächsten Satz, dass ich einen neuen Link zugeschickt bekommen hätte, um es mit einer anderen Kreditkarte zu probieren. Sollte auch das misslingen, müsse ich direkt an der Stadionkasse Karten kaufen. Ich öffnete den Link und gab diesmal die Kreditkarteninformationen meines Vaters an.

 

Zu meiner Beunruhigung ermöglichte die Eingabe keine sofortige Bezahlung, sondern wie schon eine Woche zuvor diente sie im Moment nur dazu, das Funktionieren der Karte zu überprüfen und die Kreditkarteninformationen für die spätere automatische Abbuchung zu speichern. Ziemlich sinnbefreit, dass das Geld erst später abgebucht wird, wenn das Spiel bereits in 28 Stunden sein wird!

 

Wie schon in der Vorwoche bei der ersten Kreditkarte war die Probeabbuchung von 0 Euro auch diesmal erfolgreich. Aber was half uns das? Wir wussten weder, wann die eigentliche Abbuchung erfolgen würde, noch, ob sie überhaupt gelingen würde. Wenn das Ticketbüro es nicht geschafft hatte, Geld von der ersten gültigen, funktionierenden Kreditkarte abzubuchen, würde die Karte meines Vaters vielleicht genauso Probleme machen.

 

Ich hatte eine Vermutung, wo das Problem liegen könnte: Die Probeabbuchungen von beiden Kreditkarten hatte man jeweils auch per Handy-App freigeben müssen. Möglicherweise würde die automatische Abbuchung des Geldbetrags auch wieder eine solche Bestätigung erfordern, was natürlich kaum umzusetzen ist, wenn man innerhalb eines sehr kurzen Zeitfensters eine Abbuchung bestätigen muss, von der man nicht weiß, wann genau sie erfolgen wird.

 

Eines war uns klar: Wir mussten auf alle Fälle nochmal zum Gelände neben dem Stadion, wo wir gerade erst am Vormittag gewesen waren, um entweder zum Ticketstand oder erneut zum Auskunftsbüro zu gehen und unsere Möglichkeiten zu prüfen. Ich hoffte, dass es dort möglich wäre, die Bezahlung persönlich durchzuführen. Doch wie lange würden unsere online bestellten Karten noch „reserviert“ bleiben? Sollte es mit der Kreditkarte meines Vaters auch nicht funktionieren, würde unsere Reservierung dann verfallen und die Karten für unsere Plätze würden zurück in den Verkauf gehen?

 

Vielleicht konnten wir nur noch darauf hoffen, dass die Rollstuhlkarten noch nicht ausverkauft waren. Da es bereits früher Abend war und die Einrichtungen beim Stadion bald schließen würden, konnten wir erst am nächsten Tag wieder hinfahren. Unser Plan war, gleich nach dem Frühstück zum Stadion zu fahren, kurz, nachdem die Ticketkassen aufmachen. Sollte unsere Reservierung verfallen und die Karten gingen zurück in den Verkauf, würde uns, solange die Kassen geschlossen wären, zumindest niemand etwas wegnehmen können, denn online konnte man so kurzfristig keine Tickets mehr kaufen, sondern nur noch vor Ort. Ich hatte also immer noch Hoffnung, dass sich alles noch zum Guten wenden würde, und versuchte, optimistisch zu bleiben.

 

Mein Vater war nicht mehr ganz so hoffnungsvoll, denn so, wie das bisher gelaufen war, konnten wir gar keiner Information trauen: Auf der Website hatte es geheißen, dass man die Karten für Rollstuhlfahrer 15 Tage vor dem Spiel kaufen könne. Tatsächlich gingen die Rollstuhlkarten jedoch erst neun Tage vorher in den Verkauf, und das nur für Klubmitglieder, während ich mich noch einen Tag länger gedulden musste. Dann wurde ich darüber informiert, dass die Abbuchung von der Kreditkarte erst zwischen zwei und drei Tagen vor dem Spiel erfolge. Vor Ort im Auskunftsbüro hieß es auf einmal, der Betrag werde am Tag vor dem Spiel abgebucht. Und jetzt hatte die Abbuchung gar nicht funktioniert!

 

Aufgrund dieser Unsicherheit versuchte ich, dem möglichen Worstcase noch etwas Positives abzugewinnen: Immerhin hatten wir diese aufregende Reise unternommen, es nach Barcelona geschafft, und sogar die Sagrada Familia besichtigt. Falls wir die Fußballtickets tatsächlich nicht bekommen sollten, hätten wir außerdem einen guten Grund, im nächsten Jahr erneut nach Barcelona zu fahren. Jetzt wussten wir ja schon mal, dass eine Zugreise nach Barcelona möglich war. Beim zweiten Mal hätten wir bereits mehr Routine. Einen Teil des Reisegutschein hatten wir auch noch übrig. Diese Gedanken waren nicht unbedingt ernst gemeint, sondern einfach nur meine Strategie, um ruhig zu bleiben und mich von der Situation nicht verrückt machen zu lassen.

 

Zum Abendessen trafen wir uns zu dritt im 23. Stock, wo es am Morgen noch Frühstück gegeben hatte. Abends verwandelte sich dieser Bereich in ein japanisches Restaurant. Die Kellnerin erklärte das Restaurantkonzept: Family Style: Jede Speise kommt in die Mitte des Tisches. Den Preisen nach hätte das Konzept eher „Hauptsache teuer!“ heißen sollen.


Im Anschluss ans Essen schaute ich im Zimmer die zweite Halbzeit von Real Madrids 2:1-Sieg im Ligaspiel gegen Alaves an. Damit hatte Barcelona im Moment "nur" sechs Punkte Vorsprung. Sollte Barca das Spiel gegen Celta Vigo gewinnen, wäre wieder der äußerst komfortable Vorsprung von neun Punkten hergestellt. Wo ich das Spiel sehen würde – live im Stadion oder nur am Computer – wusste ich momentanen nicht. Die reine Vorstellung daran, das Spiel eventuell am Computer ansehen zu müssen, obwohl wir extra die komplizierte Reise auf uns genommen hatten, ließ mich erschaudern. Dazu durften wir es auf keinen Fall kommen lassen!

 

Vor dem Einschlafen kreisten meine Gedanken: „Das kann doch nicht sein, dass wir so weit gekommen sind und so kurz vor dem Ziel scheitern, nur wegen diesem bescheuerten Ticketsystem! Es muss doch irgendwie eine Möglichkeit geben, unsere reservierten Karten zu bezahlen!“

 

Das Schlimmste daran, das Spiel möglicherweise zu verpassen, war für mich jetzt die Vorstellung, dass ich in den Tagen nach der Reise allen neugierigen Leuten, die nachfragen würden, wie es im Stadion gewesen sei, erzählen müsste, dass wir es nicht geschafft hätten. Ich könnte die Enttäuschung ohnehin kaum verdauen, also wäre das allerletzte, worauf ich Lust hätte, mit jedem darüber reden zu müssen. Allein, daran zu denken, löste in mir ein furchtbares Gefühl aus, stachelte mich jedoch gleichzeitig auch an: „Es kann nicht sein, dass es so endet! Wir müssen morgen alles dafür tun, um an diese Tickets zu kommen, die wir uns verdient haben!!!“


Vierter Tag

Als mein Vater und ich beim Frühstücksbereich ankamen, saß Thijs schon dort und wir setzen uns zu ihm. Von meinem Platz aus konnte ich das Camp Nou sehen. So nahe, und doch so weit weg. Der Anblick des Stadions löste in mir ein Gefühl der Hoffnung aus. Vielleicht würden wir es noch schaffen. Da ich beim Essen länger brauchte, hatte mein Vater die Idee, schonmal allein zum Stadion vorzufahren. Wenn er meinen Pass und meinen Behindertenausweis dabeihabe und auf dem Handy den E-Mailverkehr zeigen würde, bräuchte es mich vielleicht gar nicht. Thijs blieb bei mir, um mir das restliche Frühstück einzugeben. Mein Vater ließ eine Schlüsselkarte von unserem Zimmer hier und mein U-Bahnticket, falls wir doch nachkommen mussten.

 

Als ich fast fertig mit Essen war, wurde Thijs von meinem Vater angerufen. Ich schwitzte vor Aufregung: Ist er schon beim Stadion? Konnte er schon etwas herausfinden? Er war aber noch unten in der Hotelrezeption und fragte, ob wir nicht doch lieber gleich mitkommen wollten. Doch bis ich bereit zur Abfahrt gewesen wäre, wäre wieder etwas Zeit vergangen, also entschieden wir uns dazu, meinen Vater zunächst allein zu schicken, denn nachkommen konnten wir immer noch.

 

Thijs war seit ungefähr einer Viertelstunde mit mir im Hotelzimmer, als erneut sein Handy klingelte. Wieder war es mein Vater. Mir stockte der Atem. Der Moment der Wahrheit war gekommen! Bitte, bitte lass es eine gute Nachricht sein!

 

Thijs: „Und, wie sieht’s aus?“

 

Mein Vater: „Könnt ihr zum Stadion kommen, dort, wo wir gestern waren? Ich bin beim Ticketschalter und der Verkäufer sagt, er muss ihn sehen.“

 

Thijs: „Ja, wir kommen!“

 

Die Hoffnung war auf einmal wieder riesengroß! Es brauchte vielleicht nur meine Anwesenheit an der Kasse, und die Karten würden uns gehören! „Also wird es vielleicht doch noch was…“, stellte ich mit ruhiger Stimme fest. Ich wollte jetzt nicht zu euphorisch sein, denn noch war ich nicht dort. Richtig glauben, dass ich es wirklich noch zum Spiel schaffen würde, konnte ich erst, wenn ich tatsächlich in Besitz der Karten sein würde. Und ich wusste ja nicht, ob unsere Karten noch reserviert waren, oder ob nur zufällig einige Karten übrig waren. Was, wenn in der Zwischenzeit, bis wir dort wären, bereits andere Leute kämen und die Karten weg wären? Zwar war ich recht zuversichtlich, dass wir es jetzt schaffen würden, aber in meinem Kopf gibt es immer auch eine leise Gegenstimme. Ich fühlte jedenfalls einen gewissen Zeitdruck und wollte so schnell wie möglich dort sein. Zügig machte Thijs mich losfahrbereit und packe auch mein Beatmungsgerät ein, das ich während dieser Reise überallhin mitnahm, um es jederzeit verfügbar zu haben.

 

Ich musste zunächst ein Stück mit meinem Rollstuhl fahren und Thijs folgen, der wieder auf Google Maps vertraute, um zur nächstgelegenen U-Bahnstation zu finden. Meine Hände waren mit einem Schal zugedeckt und lagen nicht immer ideal auf dem Joystick, sodass Thijs sie einmal nachpositionieren musste. In der U-Bahnstation raste ich schnell zum Bahnsteig, um bloß keine Zeit zu verlieren. Als ich in der U-Bahn mit dem Rollstuhl stillstand, fiel mir auf, wie sehr mein Herz pochte. Die Aufregung, das Fahren mit dem Rollstuhl durch die Stadt: Ganz schön anstrengend für mich! Die paar Minuten in der U-Bahn konnte ich immerhin als kleine Pause nutzen. Zurück über der Erde war das Stadion nicht zu sehen. Wir mussten wieder eine gewisse Strecke zu „Fuß“ zurücklegen. Google Maps führte uns als erstes durch einen Park, und dann mehrere Gehsteige entlang. Meine Hände wurden langsam müde. Thijs‘ Angebot, meinen Rollstuhl mittels Begleitsteuerung zu übernehmen, lehnte ich zuerst ab, doch wenige Minuten später änderte ich meine Meinung.

 

Bei unserer Ankunft sahen wir meinen Vater draußen an einem Tisch des Restaurants gegenüber vom Ticketschalter. Gleich stand er auf und ging mit mir zur Ticketkasse. Hoffentlich klappt das jetzt! Wir baten also um eine Karte für einen Rollstuhlplatz. Der Verkäufer tippte kurz in seinem Computer. Jetzt würde sich alles endgültig entscheiden! Ob wir einen Platz auf der Seite oder hinter dem Tor möchten, fragte er uns. „Hinter dem Tor.“, entschied ich nach einigen Sekunden. Er schaute auf einen Plan. Seine Frage, wo wir sitzen möchten, konnte eigentlich nur bedeuten, dass noch Plätze übrig waren, denn sonst hätte sich die Frage wohl erübrigt. Dennoch hielt ich meine Freude zurück. Erst, als er uns eine Minute danach die Karten reichte, traute ich mich, die Freude in mich hineinzulassen.

 

Jetzt hatten wir es also doch noch geschafft! So viel Drama! Dabei wären wir schon am Vortag hier gewesen und hätten die Karten kaufen können! Aber dort hatten wir die Auskunft erhalten, dass die Abbuchung noch erfolgen würde. Und zwei oder drei Stunden, nachdem wir den Ort verlassen hatten, kam das E-Mail mit der Nachricht, die Abbuchung sei fehlgeschlagen! Jetzt, wo wir die Karten hatten, machte mein Vater ein Foto davon, wie ich die Karten in der Hand hielt. Anschießend packte er sie in die Brusttasche seines Hemdes, damit sie auf keinen Fall vergessen oder gestohlen werden konnten. Ich war nun ziemlich geschafft und brauchte mein Beatmungsgerät. Da ich auch leichten Hunger verspürte, bestellte ich Nachos mit Guacamole. Danach kaufte ich mir beim Fanartikelstand ein Trikot vom jungen Superstar der Mannschaft, Lamine Yamal. Ursprünglich hatte ich nicht vorgehabt, einen Fanartikel zu kaufen, denn mein Fan-Schal und das Messi-Trikot reichten mir. Aber nach der ganzen unvorhergesehenen Aufregung um die Tickets sagte ich mir spontan: „Das habe ich mir nun verdient!“

 

Auf dem Rückweg kamen wir schneller bei der U-Bahnstation an, was darauf schließen ließ, dass wir zuvor einen Umweg gegangen waren. Jetzt war allerdings der Aufzug kaputt, weshalb wir weiter bis zur nächsten Station „laufen“ mussten. Einerseits natürlich ärgerlich, auf der anderen Seite war es jedoch großes Glück, dass der Lift auf dem Hinweg noch funktioniert hatte.

 

Im Hotel nahm ich die abschließenden Arbeiten am Text „Auf nach Barcelona!“ für meinen Blog vor. Das meiste hatte ich bereits zu Hause geschrieben, aber nicht alles. Während unklar gewesen war, ob wir die Tickets bekämen, hatte ich keine Lust gehabt, weiterzuschreiben. Hätten wir die Tickets nicht bekommen, hätte ich den Text wohl nicht veröffentlicht. Zumindest nicht am 22. April, sondern allenfalls später, wenn ich die Enttäuschung halbwegs verdaut hätte. Aber jetzt, wo wir die Karten doch hatten, war es mir wichtig, den Text wie geplant am Tag des Spiels zu veröffentlichen.

 

Um 19:00 Uhr gingen wir vom Hotel weg. Natürlich hatte ich meine beiden Trikots dabei. Thijs begleitete uns bis zum Stadion, obwohl er selbst nicht aufs Spiel ging. Beim Aussteigen aus der U-Bahn ging es trotz Rampe eine einige Zentimeter tiefe Schwelle hinunter. Kein Problem für meinen Rollstuhl, aber eine ruppige Angelegenheit für mich.

 

Auf der Straße sahen wir bereits viele Menschen mit Barcelona-Trikot. Vor dem Stadion ging es nicht weiter, denn vor uns stand eine Menschenmasse und die Straße war abgesperrt. Nach einigen Minuten fuhren die Mannschaftsbusse zum Stadion und die Sperre wurde anschließend aufgehoben. Nun öffnete das Stadion seine Tore und wir konnten hinein. Dann kam er, der Moment des ersten Blicks in das Innere des Camp Nou. Der Blick Richtung Spielfeld.

 

WOW! Und so groß! All die Jahre lag ich falsch! Ich hatte immer geglaubt, dass man im Stadion nicht alles so gut sehe. Aber das Feld nimmt ja fast mein gesamtes Sichtfeld ein! Da sieht man ja alles viel größer und besser als im Fernsehen! Selbst das Tor auf der gegenüberliegenden Seite sah von unseren Plätzen aus noch recht groß aus. Nach und nach füllte sich das Stadion, doch die beiden Rollstuhlplätze neben uns blieben leer. Es wären also noch mehrere Rollstuhltickets verfügbar gewesen, was sicher auch daran lag, dass das Spiel unter der Woche war und nicht gegen ein Topteam. Wäre es ein Spiel in der Champions League oder ein Clásico gegen Real Madrid gewesen, hätten wir an der Kasse wohl keine Tickets mehr gekriegt. Vor Spielbeginn um 21:30 Uhr, als die Spieler aufs Feld kamen, ging das Flutlicht aus und eine kleine Lichtshow begann, während die Vereinshymne gespielt wurde. Bei der Lautstärke, die in diesem Moment herrschte, war ich froh um meine Ohrenstöpsel. Thijs schicke uns ein Foto von einer Sportbar, in der das Spiel anschaue. Hätte er auch live im Stadion haben können, aber jeder wie er möchte! 


Endlich kam der Anpfiff. Barcelona, das in der ersten Halbzeit auf das von uns entfernte Tor spielte, eroberte direkt nach dem gegnerischen Anstoß den Ball und bereits nach elf Sekunden gab Lamine Yamal einen gefährlichen Schuss ab. Im ersten Moment dachte ich schon, der Ball sei direkt drin gewesen. Das Publikum war auf jeden Fall wachgerüttelt! Eine halbe Minute danach hatte Celta Vigo den ersten guten Schuss, welchen Torwart Joan Garcia zum Eckball abwehrte. Ich war ein wenig überrascht, wie groß die Spieler auf dem Feld wirkten. Es war außerdem etwas ganz Neues für mich, die Aktionen der Spieler mit eigenen Augen und ganz real zu sehen, ohne die Distanz einer Fernseh- oder Internetübertragung. Die Stimmung im Stadion gefiel mir ebenfalls. Immer wieder hörte man verschiedene Fangesänge und das Gemeinschaftsgefühl war eindeutig spürbar. Die Zuseher in unserem Bereich waren zwar nicht unbedingt am Ausflippen, aber das war mir ehrlicherweise recht, da ich selbst auch eher ein ruhiger Typ bin.

 

Nach vierzig Minuten bekam Barcelona einen Elfmeter zugesprochen, den der gefoulte Lamine Yamal zum 1:0 verwandelte. Unglücklicherweise schien er sich in diesem Moment verletzt zu haben, denn er legte sich auf den Rasen und musste ausgewechselt werden. Beinahe zeitgleich ereignete sich auf der anderen Seite des Stadions ein medizinischer Notfall auf der Tribüne! Das medizinische Team schritt zur Tat und das Spiel war 20 Minuten lang unterbrochen. Danach wurde wieder kurz gespielt, dann war Halbzeit.

Etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff fiel das vermeintliche 2:0, das allerdings nach Überprüfung wegen Abseits zurückgenommen wurde. Im Anschluss flachte die Partie ab und es passierte nicht mehr allzu viel Aufregendes. In der letzten Minute hatte Celta Vigo eine Freistoßgelegenheit, doch zu Barcas Glück traf der Ball nur die Freistoßmauer. Wenige Sekunden später machte der Schlusspfiff Barcelonas 1:0-Sieg offiziell.

 

Gewiss bot dieses Spiel kein Offensivfeuerwerk, auf das ich vielleicht gehofft hatte. Aber immerhin: Sie hatten gewonnen und sich damit drei weitere Punkte erspielt, wodurch der Vorsprung auf Real Madrid wieder auf neun Punkte anstieg. Es sind gerade diese knappen, wenig glanzvollen Spiele, die man eben auch gewinnen muss, um die Saison als Meister abzuschließen. Schon lange vor der Reise hatte ich beschlossen, das Spiel im Stadion zu genießen, unabhängig von der spielerischen Leistung oder dem Ergebnis. Hätte ich das Spiel nur zu Hause am Computer angeschaut, wäre ich mit der Leistung wohl nicht ganz zufrieden gewesen. Live im Stadion war das ganz anders: Gerade wegen dem Stress mit den Tickets war ich umso mehr froh und dankbar, bei diesem Spiel dabei sein zu dürfen, sodass mich die geringe Toranzahl nicht störte.

 

Durch die Spielunterbrechung war es beim Spielende bereits 23:45 Uhr. Als wir die nächste U-Bahnstation suchten, teilte uns ein Polizist mit, dass die U-Bahnen nur bis Mitternacht im Einsatz seien. Wir waren zu spät! Mein Vater musste also mit mir zu Fuß zurück zum Hotel laufen. Da meine Hände bereits nach kurzer Zeit kalt wurden, steuerte mein Vater meinen Rollstuhl. Ins Bett schaffte ich es erst gegen ein Uhr.


Fünfter Tag

Um kurz nach sechs Uhr war unsere Nacht bereits wieder beendet. Das frühe Aufstehen war notwendig, um den gesamten morgendlichen Ablauf inklusive Frühstücks ohne Stress unterzubringen und vor neun Uhr am Bahnhof zu sein. Uns stand nun wieder eine siebenstündige Zugfahrt bevor. Am Abend in Paris spazierten wir ein wenig die Seine entlang und warfen immerhin aus der Ferne einen Blick auf Notre Dame. 


Sechster Tag

Im Vergleich zum Vortag mussten wir erst eine Stunde später aufstehen. An diesem letzten Reisetag spürte ich eindeutig, wie sehr mich die vergangenen Tage angestrengt hatten. Beim Warten im Bahnhof hatte ich das Gefühl, immer wieder leichte Herzrhythmusstörungen zu spüren. Sobald wir im Zug waren, benutze ich als Gegenmaßnahme mein Beatmungsgerät. Es wirkte, denn nach wenigen Minuten trat kein einziger unregelmäßiger Herzschlag mehr auf.

 

Nach vier Stunden Fahrtzeit erreichten wir circa um halb drei Zürich. Eigentlich hätten wir dort wieder einen dreistündigen Aufenthalt gehabt, den wir eingeplant hatten für den Fall, dass der Zug aus Paris viel Verspätung hätte. Da wir nun pünktlich waren, versuchte mein Vater, uns auf einen früheren Zug umzubuchen, damit wir statt um 19:00 schon um 17:00 Uhr in Bregenz ankämen. Wir hatten Glück, denn auch im früheren Zug war der Rollstuhlplatz noch frei. Auch konnte kurzfristig organisiert werden, dass wir die Ein- und Ausstiegsunterstützung schon zwei Stunden früher bekommen würden. Anders als fünf Tage zuvor wurde mir im Schweizer Zug diesmal nicht schlecht, denn ich stand zufällig seitwärts und bemerkte, dass ich mit dem Schaukeln in den Kurven in dieser Position viel besser zurechtkam.

 

In Bregenz sahen wir beim Einfahren in den Bahnhof erleichtert, dass die Hebebühne bereits ganz in der Nähe unserer Zugtür stand. Doch als die Tür aufging, stellten wir mit Schrecken fest, das weit und breit kein Arbeiter zu sehen war! Nicht noch ein Abenteuer! Mein Vater versuchte, die Hebebühne selbst zur Tür zu bewegen, doch sie war am Bahnsteig angekettet und mit einem Schloss gesichert. Da der Zug regulär nur zwei Minuten lang in Bregenz hält, hatte ich für einen kurzen Moment Angst, dass ich womöglich bis nach München weiterfahren müsse, doch Thijs stellte sich in die offene Tür, damit sie nicht zugehen konnte. Unser Glück war, dass wir uns bei Bahnsteig eins befanden, wodurch mein Vater schnell ins Bahnhofsgebäude laufen und Unterstützung einfordern konnte. Endlich kam der Mann, auf den wir gewartet hatten und ich konnte den Zug verlassen. Er behauptete, die Information, dass wir zwei Stunden früher ankamen, sei nicht an ihn weitergeleitet worden.

 

Nachdem Thijs sich anschließend von uns verabschiedet hatte, schleppten mein Vater und ich uns mit letzter Kraft nach Hause.


Nach der Reise

Am Samstag, den 25. April, blieb ich ungefähr bis Mittag im Bett, da ich so geschafft war. In der ersten Stunde nach dem Aufstehen fühlte ich erneut unangenehme Herzrhythmusstörungen, die sich wieder legten, als ich mich an das Beatmungsgerät anhängen ließ. In den Tagen, die folgten, hatte ich kaum mehr Herzrhythmusstörungen. Dennoch brachte mir mein Vater aus dem Krankenhaus ein Langzeit-EKG zur Abklärung mit. Der Befund war unauffällig, also alles in Ordnung.

 

Thijs nahm am Wochenende nach unserer Ankunft mit seiner Frau wieder mal an einem Tanzturnier teil. Sie belegten den zweiten Platz, trotz Thijs‘ leichter Verletzung am Finger und an der Schulter, die er sich in Barcelona zugezogen hatte, als er beim Joggen stürzte.

 

Am 10. Mai krönte sich der FC Barcelona das 29. Mal zum spanischen Meister. Und das ausgerechnet gegen den Erzrivalen Real Madrid. Es war das erste Clásico im Camp Nou seit der Wiedereröffnung und Barcelona gewann hochverdient mit 2:0. Einen schöneren Rahmen, um die Meisterschaft klarzumachen, gibt es einfach nicht! Seit Hansi Flick Trainer ist, hat Barcelona sechs von sieben Clásicos gewonnen! Eine Quote, von der man in den paar Jahren davor nicht einmal zu träumen wagte. Diese Saison ist dem FC Barcelona außerdem ein beeindruckender Rekord gelungen: Der Klub hat alle 19 Ligaheimspiele gewonnen!

 

Beim Schreiben dieses ausführlichen, zweiteiligen Reiseberichts kam es mir fast so vor, als würde ich das Ganze gerade erneut erleben. Das ist einer der Gründe, warum ich so viel Freude daran habe, über aufregende Ereignisse aus meinem Leben zu schreiben. Vor allem über solche, die ein Happy End haben. Während der Reise selbst war nicht zu jeder Zeit klar, ob alles wie erhofft funktionieren würde. Es gab kleinere und größere Pannen, die immer wieder zu Stress und Aufregung geführt haben. Wäre alles von vornherein haargenau so verlaufen, wie wir es uns vorgestellt hätten, wäre die Reise gewiss um Einiges entspannter gewesen und wir hätten die Tage insgesamt vielleicht noch mehr genießen und intensiver auskosten können. Doch letztendlich haben wir alles Wichtige geschafft und ich konnte meinen großen Traum in die Tat umsetzen. Man kann sagen, dass den Umständen entsprechend alles, so wie es gekommen ist, genau richtig gekommen ist! Dramaturgisch hätte sich der entscheidende Teil der Geschichte kaum spannender abspielen können. Und für meinen Blog könnte es nichts Besseres geben als eine unfassbar spannende Geschichte!

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