Guten Flug, Herr Sturzpilot!
- Paul Wechselberger
- vor 5 Tagen
- 12 Min. Lesezeit
In meiner Kindheit waren Stürze oft ein treuer Begleiter. Es brauchte dazu keine spektakulären Anlässe, sondern sie passierten häufig einfach in ganz banalen Situationen. Andere Kinder verletzen sich beim Klettern, wenn sie zu schnell mit dem Roller fahren, oder weil sie in Raufereien verwickelt werden. Diese Gefahren waren für mich und meinen Bruder weniger das Thema, weil wir diese Dinge entweder gar nicht erst ausüben konnten oder uns zumindest nur sehr selten in derartigen Situationen wiederfanden. Das heißt aber leider nicht, dass wir davor gefeit waren, zu stürzen. Schon im Kindergartenalter hatte ich die ein oder anderen Stürze beim normalen Gehen, die einem körperlich gesunden Kind im selben Alter nicht, oder zumindest deutlich seltener passieren. Es kam auch mal vor, dass ich zweimal innerhalb von recht kurzer Zeit hinfiel. Immerhin passierte mir in diesen sehr jungen Jahren so gut wie nie etwas Gröberes.
Die ersten Dinge, an denen mir auffiel, dass es Unterschiede zwischen mir und den anderen Kindern gab, waren, dass ich nicht so schnell und weit laufen konnte, besonders beim Treppensteigen Mühe hatte und eben tendenziell leichter hinfiel. Meine Diagnose stand zu der Zeit übrigens schon fest, denn meine Eltern hatten sie wenige Monate nach meinem zweiten Geburtstag bekommen , als auch mein damals schon fast fünfjähriger Bruder mit der Krankheit diagnostiziert wurde. Während also, seit ich mich erinnern konnte, bereits bekannt war, dass ich die Krankheit habe, hatten meine Eltern während eines Teils der Kindheit meines Bruders diese Information noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass ich aus diesem Grund bereits von früh auf noch etwas „behüteter“ aufgewachsen bin als mein Bruder. Der „musste“ zum Beispiel mit vier Jahren eine Woche lang am Schikurs teilnehmen, was natürlich nicht so einfach für ihn war, weil er sich körperlich eben schon ein wenig schwerer tat. Seine Schilehrerin sah eher ein disziplinäres Problem: „Er kann, aber er will nicht!“ Klar, wenn ein Vierjähriger beinahe in die Wand einer Holzhütte fährt, kann das doch nichts anderes als Absicht sein!
Solch eine Situation blieb mir erspart, aber es gab auch für mich genügend Gelegenheiten, in denen ich nicht von allen möglichen negativen Erfahrungen abgeschirmt wurde. Ich hatte also keine Helikopter-Eltern. Das war aber auch gut so, denn man kann Kinder nicht vor allem bewahren. So auch nicht vor Stürzen, die einfach jederzeit auftreten konnten. Viele dieser Stürze habe ich noch ziemlich gut in Erinnerung, weshalb ich hier einige für euch beschreiben möchte.
Zwar fuhr ich nie Fahrrad oder Roller, aber ich hatte mehrere Jahre lang regelmäßig mein Laufrad dabei, wenn ich mit der Familie draußen unterwegs war. Manchmal fuhr ich damit auch Rampen hinunter, wobei es teilweise zu Stürzen kam. Am ehesten kann ich mich noch an das eine Mal erinnern, als ich die Brücke, die zum Haupteingang des Bregenzer Strandbads führte, runterfahren wollte. Ich war vielleicht fünf Jahre alt. Zuerst lief alles nach Plan: Dort, wo die Brücke begann, abwärtszugehen, ließ ich es laufen. Ich spürte, wie ich mit jedem Meter, den ich zurücklegte, ein kleines bisschen schneller wurde. Ganz am Ende der Brücke befand sich eine dezente Unebenheit. Während ich mich diesem Ende näherte, kam mir flüchtig der Gedanke, dass ich nicht ganz sicher war, wie ich unten kontrolliert zum Stoppen kommen würde. Mein Laufrad – es war aus Holz – besaß jedenfalls keine Bremsen. Alles, was ich tun konnte, war, mit den Füßen so gut es ging zu bremsen. Das Laufrad erreichte die Unebenheit, von wo aus es für mich nicht mehr weitergehen sollte: Ein körperlich komplett fittes Kind hätte es in dieser Situation vielleicht besser geschafft, das Gleichgewicht zu halten und standhaft zu bleiben, aber ich hatte dem Geschehen nicht viel entgegenzusetzen. Mein Laufrad fiel zur Seite, und ich mit ihm.
Wie genau sich der Sturz zugetragen hat, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber, dass er recht schmerzhaft gewesen sein muss, denn ich erinnere mich noch daran, wie ich auf dem Boden liege und lauthals losweine. Da ich – zumindest gefühlt – so unglaublich schnell unterwegs gewesen war, befand sich der Rest der Familie noch recht weit entfernt. Deshalb waren die ersten Personen, die mich erreichten, eine fremde Familie, die aus der entgegengesetzten Richtig kam. Sie leisteten die ersten paar Sekunden Beistand, bis meine Eltern und mein Bruder zu mir aufgeschlossen hatten. Nach diesem großen Schreckmoment zeigte sich zum Glück schnell, dass ich keinerlei Verletzungen davongetragen hatte.
Hin und wieder kam es vor, dass mein Bruder und ich nahezu gleichzeitig hinfielen, wenn wir mit derselben Tätigkeit beschäftigt waren. Im Sommerurlaub spielten wir einmal mit unserer Mutter Minigolf. Ich hatte gerade ins erste Loch getroffen und wollte den Ball wieder herausholen. Mit einem Fuß wollte ich auf die Bahn steigen, um mich nach dem Ball zu bücken. Erfreut über meinen ersten Treffer war ich wohl etwas übereifrig und übersah, dass die Umrandung der Minigolfbahn minimal erhöht war. Ich stolperte also drüber. Meine Mutter wollte mir gerade zur Hilfe eilen, da passierte meinem Bruder, der bereits eine Bahn weiter war, so ziemlich dasselbe – nur wenige Sekunden später! Auch er stolperte beim Versuch, den Ball aus dem Loch zu holen.
Aber auch der Winter brachte so manche Sturzgefahr mit sich. Während sich die meisten Kinder über Neuschnee freuten, bedeutete er für mich während meiner Volksschulzeit eine zusätzliche Sorgenquelle. Ich trug oft ohnehin in meinem Hinterkopf die Angst mit mir herum, umgerannt zu werden. Schnee machte die Sache nicht einfacher: Rampen waren verschneit und dadurch unwegsamer, Treppenstufen, die ohnehin nie meine Freunde waren, verwandelten sich in Schneeablagen und wenn der Schnee länger lag, wurde er hart und etwas rutschig.
Bereits in der ersten Klasse wurde mir zum ersten Mal bewusst, welche Probleme Schnee mit sich bringen konnte. Ich und mein Bruder, der bereits ein Viertklässler war, gingen zu der Zeit einmal in der Woche nach der Schule gemeinsam zu unseren Großeltern. Da sie keine 200 Meter von der Schule entfernt wohnten, liefen wir die Strecke zu Fuß und ohne Begleitung, was sehr ungewöhnlich war. Den Weg zwischen Schule und zu Hause wurden wir immer gefahren und wenn wir mal zu Fuß gingen, waren wir normalerweise nicht auf uns allein gestellt. Das problematischste an den 200 Metern waren die zwei großen Stiegen, die wir hinuntergehen mussten, um von der Schule zur Straße zu gelangen, wo die Großeltern wohnten. An normalen Tagen lief alles gut, doch eines verschneiten Tages verwandelten sich diese Treppen in ein noch deutlich schwierigeres Hindernis. Auf den Stufen lag so viel Schnee, dass die Treppe ein bisschen an eine Rutschbahn erinnerte. Man hatte kaum Platz, den Fuß auf eine Stufe zu setzen, da überall der Schnee im Weg war.
Irgendwie schafften wir es bis ganz nach unten. Fragt mich nicht wie, ich weiß es nicht mehr! Vielleicht habe ich es verdrängt. Ich kann mich nur noch an Folgendes erinnern: Auch ein paar Jugendliche, die von einer anderen Schule kamen, gingen die Stiegen hinunter. Als sich mein Bruder bereits auf den letzten Stufen befand, rutschte einer der Jugendlichen aus Versehen in ihn hinein. Nun war mein Bruder ganz unten, saß aber auf dem Boden. Die Jugendlichen versuchten zwar, ihm auf die Beine zu helfen, aber sie wussten nicht so wirklich, welche Hilfestellung er genau brauchte. Am Ende schaffte es mein Bruder allein, sich wieder aufzurichten.
Etwa zwei Jahre später, am ersten Dezember 2010, machte ich erneut negative Erfahrungen mit den Eigenschaften des Schnees. Es war der erste starke Schneefall des Winters. Mein Bruder und ich wurden beide von der Frau, die meist die Fahrdienste übernahm, von unseren Schulen abgeholt. Zuerst holte sie mich von der Volksschule ab, dann fuhr sie mit mir zum Gymnasium meines Bruders, um uns anschließend gemeinsam nach Hause zu bringen. Zu Hause angekommen begleitete sie uns normalerweise bis hinauf in unsere Wohnung, doch weil das Abholen an diesem Tag wegen dem Schneechaos länger dauerte, hatte sie es schon etwas eilig. Wahrscheinlich musste sie danach direkt weiter.
Meinen Bruder, der mittlerweile einen Rollstuhl verwendete, schob sie noch in den Lift, dann wartete sie, bis ich durch die Eingangstür des Wohnblocks kam. „Er ist schon im Lift…“, informierte sie mich im Vorbeigehen und verabschiedete sich schnell. Hinter mir ging die Tür zu und die Person verschwand. Ich musste nur die zwei Meter bis zum Lift laufen, wo mein Bruder schon auf mich wartete, um dann gemeinsam nach oben zu fahren. Dort würde uns eine Familienhelferin in Empfang nehmen. Wir hatten damals immer wieder solche Familienhelferinnen, die im Rahmen eines Praktikums der Familienhelferinnenschule mehrmals in der Woche bei uns kochten, im Haushalt halfen und die Nachmittage mit meinem Bruder und mir verbrachten.
Wenn man bei unserem Wohnblock hineinkommt, betritt man zunächst einen Schuhabstreifer von circa einem Meter Länge. Ich ging also die ersten Schritte und blickte fasziniert nach unten auf meine Schuhe, an denen viel Schnee hing, obwohl ich draußen nur vom Parkplatz bis zum Eingang gelaufen war. Es kam mir vor, als hätte ich Schneeschuhe aus Schnee an. Angesichts dieses besonderen, zauberhaften Anblicks vergaß ich, dass es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, den Schnee so gut es ging abzustreifen und an der Wand abzuklopfen. Der Schuhabstreifer endete und ich setzte den ersten Schritt auf die glatten Bodenfließen des Stiegenhauses. ZACK! Schon lag ich auf dem Rücken! Der glatte Boden war in Kombination mit den Schuhsohlen, die vom Schnee nass waren, gefühlt so rutschig wie eine Eisplatte. Immerhin fiel ich auf den Schuhabstreifer und durch die dicke Jacke mit Kapuze landete ich so sanft, dass es kaum schmerzte.
Mein Bruder hatte meinen Fall deutlich gehört und schlug vor, alleine mit dem Lift nach oben zu fahren, um mir die Familienhelferin dann zur Hilfe zu schicken. Eine Minute später kam sie auch schon bei mir im Erdgeschoss an. Ich saß mittlerweile wieder, aber zum Aufstehen nahm ich ihre Hilfe in Anspruch. Beim ersten Schritt auf den Fließen rutschten allerdings sofort die Füße auseinander, als wollte ich die Beine spreizen. Diesmal landete ich auf meinem Hintern und im Gegensatz zu gerade eben fuhr mir ein unangenehmer Schmerz in den Rücken ein. Die Familienhelferin half mir in den Lift und wir fuhren rauf.
Als später meine Mutter nach Hause kam, wollte ich so tun, als wäre nichts gewesen, da ich dem Negativen keinen Platz geben wollte: Es war vorbei, also wollte ich kein Wort mehr darüber verlieren. Demonstrativ hielt ich meinen Zeigefinger vor den Mund, „Psssst!“, um zu signieren, dass niemand etwas erzählen soll. Mein Bruder ließ sich davon nicht beirren und informierte meine Mutter umgehend über meinen Sturz. Er meinte es wohl nur gut mit mir und wusste, dass Totschweigen keine Lösung war.
Das Verschweigen von Stürzen wurde in den Jahren danach zu einem noch größeren Thema. Ab Frühling 2012 wollte ich meine Erkrankung bekämpfen, was überwiegend so aussah, dass ich die zunehmenden körperlichen Schwierigkeiten verdrängte, alles selbstständig machen wollte und mir einredete, dadurch den Krankheitsverlauf umkehren zu können. Alles, was mich an das Fortschreiten der Muskelkrankheit erinnerte, passte nicht in meine Welt. Stürze in banalen Situationen passten dort also ebenso wenig hinein.
Ein gutes Beispiel dafür war eine Situation, die sich an einem Tag ereignete, als mein Bruder und ein Freund meines Bruders bei einem anderen Freund auf Besuch waren. Am Abend zum Abholen begleitete ich unsere Mutter. Da sie sich noch mit der Mutter des einen Freundes ausgiebig unterhielt, verbrachte ich etwas Zeit mit meinem Bruder und seinen Freunden. Einem der Freunde kam die Idee, „Verstecken“ zu spielen. Ich musste suchen. Als ich das erste Zimmer betreten hatte, um die Suche zu beginnen, hörte ich, wie sich hinter mir die Tür bewegte. Noch bevor ich mich umdrehen konnte, spürte ich einen Schubs. Ich bin nicht sicher, ob er mich nur im Vorbeihuschen unbewusst gestreift hatte, oder mir bewusst einen leichten Schubs verpassen wollte. Ich bin mir aber recht sicher, dass ihm in diesem Moment nicht bewusst war, dass ich deswegen hinfallen würde und es war auch garantiert nicht seine Absicht, mich zu Fall zu bringen. Davon, dass ich schlapp nach vorne fiel, ohne den Sturz durch irgendeine Gegenbewegung abfangen zu können, bekam er zunächst gar nichts mit, denn während er mich berührt hatte, war er schon am Wegrennen aus dem Zimmer. Er war offenbar einer der Leute, die es mit dem Regelwerk des Versteckspiels nicht ganz so streng nehmen und auch Elemente eines „Fangenspiels“ einstreuen.
Ein paar Augenblicke später kam der andere Freund meines Bruders ins Zimmer und sah mich am Boden auf dem Bauch liegend. Schnell holte er den zweiten Freund, damit dieser sehen konnte, was er selbst „angerichtet“ hatte. Ich konnte zum Glück schnell wieder aufstehen und der Täter entschuldigte sich hinterher mehrmals bei mir. Aus zuvor genannten Gründen wollte ich meiner Mutter nichts von dem Sturz erzählen und sie sollte nichts davon erfahren. Deshalb versuchte ich auch, die kleine Schürfwunde, die ich mir beim Hinfallen zugezogen hatte, vor ihr zu verstecken.
Um dieselbe Zeit herum hatte ich einen Sturz, dessen Wunden deutlich schwerer zu verstecken waren. Mein Vater verbrachte mit mir ein paar Stunden im Strandbad. Als wir dabei waren, das Bad wieder zu verlassen, fiel ich auf dem aus Steinplatten bestehenden Gehweg zweimal hin. Das erste Mal passierte mir nicht viel. Ich landete in sitzender Position, tat mir nicht wirklich weh und mein Vater half mir hoch. Doch leider fiel ich zwanzig Meter weiter erneut hin. Diesmal stürzte ich nach vorne und landete in Bauchlage, wobei ich mir beide Knie und das Kinn blutig schlug.
Bei manchen Stürzen bekam auch der Kopf einen kleinen oder großen Schlag ab. In der ersten Woche meines letzten Volksschuljahres passierte mir bei der kleinen Stiege vom Sportplatz ein Missgeschick: Ich wollte nach oben gehen, doch bereits auf der ersten oder zweiten Stufe verließ meine Beine für einen Moment die Kraft und die Knie gaben ungewollt nach. Mein Oberkörper fiel etwas nach hinten, doch weil ich beide Hände fest am Geländer hatte, konnte ich mich noch ein, zwei Sekunden vor dem Fall bewahren. Länger konnten mich meine Arme aber nicht mehr halten und ich stürzte rückenvoran zur Seite. Im Fallen streifte mein Kopf noch einen Müllkübel aus Blech, bevor ich immerhin im recht weichen Gras landete. Einer der Lehrer hatte es aus ein paar Metern Entfernung gesehen, konnte allerdings nicht mehr schnell genug eingreifen. Ein Kind, das den Vorfall ebenfalls beobachtet hatte, kommentierte danach: „Das hat sicher wehgetan!“ So schmerzhaft hatte ich es jedoch gar nicht empfunden.
Anders war das ein, zwei Monate später, als ich mir den Kopf deutlich stärker anschlug. Wie es dazu kam? Meine Eltern waren bei einer kleinen Geburtstagsfeier einer Bekannten eingeladen, zu der sie mich mitnahmen. Mein Bruder war nicht dabei, denn er übernachtete bei einem Freund. Aus diesem Grund saß ich im Auto auf der anderen Seite, wo sonst immer mein Bruder saß. Am Zielort wollte ich selbst aus dem Auto aussteigen, weil ich immer noch die Phase hatte, in der ich möglichst alles selbstständig schaffen wollte. Allerdings war es ungewohnt, auf der anderen Seite als sonst auszusteigen. Der Fuß, den ich als erstes auf den Boden setzte, war wohl der „falsche“ und ich hatte irgendwie keinen sicheren Halt. Da meine Eltern nicht damit gerechnet hatten, dass ich gleich stürzen würde, konnten sie nur tatenlos zuschauen, wie ich nach hinten fiel und mit dem Kopf unsanft auf dem Asphaltboden aufschlug.
Eine Minute nach uns kamen andere Bekannte von uns an und das erste, was sie von meiner Mutter hörten, war: „Er ist gerade aus dem Auto rausgefallen!“ Für den Rest des Abends stand ich ein wenig neben mir, da zum einen mein Kopf noch etwas schmerzte, ich zum anderen aber auch gewissermaßen unter Schock stand. Ich denke, ich kann froh sein, dass ich keine Gehirnerschütterung hatte. Zumindest wurde keine diagnostiziert, denn ich war danach nicht beim Arzt, was darauf schließen lässt, dass ich keine groben Symptome hatte, denn sonst hätten meine Eltern es wahrscheinlich abklären lassen.
Im Laufe der letzten zwei Jahre meiner Volksschulzeit wurde mein Gang sichtlich unsicherer und der Bewegungsablauf wirkte instabiler und wackeliger. Damit stieg nicht nur das Risiko, hinzufallen, sondern auch die Angst davor. Trotzdem habe ich in Erinnerung, dass ich im letzten Volksschuljahr nicht unbedingt häufiger stürzte, was vielleicht aber auch nur daran lag, dass ich einfach weniger weit laufen konnte, sodass die Häufigkeit von Stürzen recht konstant blieb. Mein ärgster Sturz war gleichzeitig mein letzter, denn danach kam ich nicht mehr auf die Beine und konnte nie mehr auch nur einen Schritt gehen. Es passierte im August 2013, am dritten Tag unseres zweiwöchigen Italienurlaubs. Perfektes Timing! Ich fiel auf dem Gehweg hin und brach mir das Bein. Der Moment war für mich etwas traumatisch, trotzdem habe ich letztes Jahr in Texten den Vorgang geschildert. Auch über das schwierige Jahr, das dem Beinbruch vorausging, und vor allem das mentale Tief danach erfahrt ihr alles in diesen Texten. Mit etwas Abstand zu dem unglücklichen, belastenden Vorfall zeigte sich, dass der Umstieg auf den Rollstuhl eigentlich einer Erleichterung gleichkam. Was ich damit meine? Na ganz logisch: Da ich keinen einzigen Schritt mehr gehen konnte, musste ich mir nie mehr Sorgen machen, ich könnte stürzen.
Übrigens wagte ich mich mit Rollstuhl auch noch manchmal die Brücke beim Strandbad hinunter, bei der ich mit meinem Laufrad gestürzt war. Da man auf vier Rädern deutlich stabiler ist als auf zwei, kam es zu keinem Sturz. Außerdem ließ ich es erst rollen, als ich mich nurmehr etwa auf halber Höhe befand. Die Rampe vor unserem Wohnblock fuhr ich öfter runter. Umgefallen bin mit meinem Rollstuhl nur einmal und das nicht etwa, weil ich eine sehr steile Rampe oder gar Stiege hinuntergefahren wäre. Nein, es war eine Türschwelle, bei der es vielleicht drei, vier Zentimeter nach unten ging. Hinten an den Griffen des Rollstuhls hing meine vollgepackte Schultasche und durch die Erschütterung, die beim Passieren der Schwelle entstand, verloren die Vorderräder die Bodenhaftung. Der Rollstuhl neigte sich nach hinten, bekam das Übergewicht und kam schließlich hinten auf den Boden auf. Der Unfallverursacher, meine Schultasche, war gleichzeitig der Grund dafür, dass der Fall etwas abgefedert wurde und mein Kopf relativ weich landete.
Mein Bruder hatte einige Jahre zuvor etwas beinahe Identisches erlebt, als er durch die Wohnungstür fuhr. Auch dort verursachte die schwere Schultasche einen Fall nach hinten. Sein Kopf landete ebenfalls weich, aber er hing etwas nach hinten. Statt gestresst um Hilfe zu rufen, wählte er eine deutlich originellere Methode, um auf sich aufmerksam zu machen. „Kopfstand ist schwer! Kopfstand ist schwer!“, rief er mit gelassener Stimme, fast so, als würde ihn die Situation selbst ein wenig amüsieren. Laut seiner eigenen Aussage ist er in seiner Schulzeit mit dem Rollstuhl auch schon in die anderen drei Richtungen umgekippt, da Mitschüler unbeabsichtigt etwas zu wild waren! Da ich selbst nicht dabei war, muss ich sein Wort wohl für bare Münze nehmen. Verletzt hat er sich in diesen Situationen offenbar nicht!
Seit wir große, schwere Elektrorollstühle benutzen, sind wir zum Glück noch nie umgekippt, denn da bräuchte es schon einen Feuerwehreinsatz, um uns zu retten. Zumindest, wenn es nach einem unserer früheren Assistenten geht, der uns erzählte, dass er einmal jemanden begleitet habe, der mit seinem Elektrorollstuhl umgekippt sei. Angeblich sei dann die Feuerwehr gekommen. Dieser Assistent hatte allerdings noch viele weitere Geschichten auf Lager, bei denen es sich bestenfalls um „Halbwahrheiten“ handelte.





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