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Es gibt auch ein Leben nach der Reise!

Autorenbild: Paul Wechselberger
Paul Wechselberger
27. Juli
13 Min. Lesezeit

Ich war wieder etwas länger untätig, was meinen Blog angeht, aber nach fast zwei Monaten Pause gibt es nun endlich ein Lebenszeichen: Ich habe wieder einen neuen Text veröffentlicht! Ich hatte nicht vor, mir so lange Zeit zu lassen, doch ich war zuletzt eher schreibfaul und bin die Tage generell ruhig angegangen, ohne mich zu überanstrengen. Außerdem hatte ich die letzten Wochen Wichtigeres zu tun: Ich musste die Fußballweltmeisterschaft verfolgen. Aufgrund der Zeitverschiebung fanden viele Spiele zu unserer Nachtzeit statt. Natürlich schaute ich nicht jedes Nachtspiel an, aber dafür hatte ich am Tag oft Spiele nachzuholen. Ich schaute stets die Wiederholungen in voller Länge an. Einzelne Spiele waren mir jedoch so wichtig, dass ich sie gleich live in der Nacht sehen wollte. Ein Glück, dass ich in meinem Zimmer einen Beamer habe, der das Bild an die Decke projiziert. So konnte ich nachts Fußball anschauen und trotzdem im Bett liegenbleiben. Diese Fußballnächte brachten logischerweise meinen Schlafrhythmus etwas durcheinander.

 

Wo wir gerade beim Thema Fußball sind: Meine Reise nach Barcelona für ein Fußballspiel meines Lieblingsvereins liegt bereits drei Monate zurück. Keine Angst, ist habe nicht vor, noch einen weiteren Text zu diesem Thema zu verfassen! Stattdessen ist der heutige Text in erster Linie eine Zusammenfassung dessen, was seither alles passiert ist. Da es so lange keinen Text mehr gab, muss ich nun über mehrere Themen berichten, denn in den letzten Monaten gab es mehrere erwähnenswerte Ereignisse, die von freudig über aufregend bis hin zu besorgniserregend reichen.

 

Als mein Vater und ich nach unserer Reise zurückkamen, fanden wir eine menschenleere Wohnung vor. Das letzte Mal, dass sich kein Mensch in der Wohnung befunden hatte, war im Juni 2024, als mein Bruder und ich gleichzeitig in Wangen im Krankenhaus zur Kontrolle gewesen waren, wobei unsere Eltern uns begleitet hatten. Ich bin auch sehr viel zu Hause, doch der Hauptgrund, warum sich fast zwei Jahre lang ohne eine Sekunde Pause mindestens eine Person in unserer Wohnung befand, ist mein Bruder. Seit seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus im April 2024 war er, außer für die Kontrollen in Wangen, so gut wie nie außer Haus gewesen. Sein Zahnarztbesuch letzten Herbst war eine der ganz wenigen Ausnahmen. Doch als ich auf der Heimfahrt aus Barcelona im Zug zwischen Zürich und Bregenz saß, telefonierte mein Vater kurz mit meiner Mutter, wobei er von ihr erfuhr, dass sie gerade gemeinsam mit meinem Bruder und seiner Intensivpflegerin, die an diesem Tag Dienst hatte, im Restaurant Pier 69 beim Essen sei.

 

Ich konnte es kaum glauben, dass er jetzt tatsächlich nach draußen gekommen war! In einem Restaurant war er zuletzt am 26. Dezember 2023 gewesen! Nur eine Woche darauf musste er ins Krankenhaus, wo er die nächsten hundert Tage verbringen musste. Theoretisch hätte er nach seiner Krankenhausentlassung in April vor zwei Jahren trotz seither dauerhaft bestehender invasiver Beatmung wieder jederzeit nach draußen gekonnt. Die Praxis sah anders aus: Die Federung seines alten Elektrorollstuhls war etwas grob und die Fahrbedingungen im Freien, wo es immer wieder Unebenheiten zu überwinden gibt, war mein Bruder nach drei Monaten im Krankenhaus noch weniger gewohnt. Als er nach einem halben Jahr seinen neuen, deutlich besser gefederten Rollstuhl bekam, war es schon Herbst und für ihn zu kalt und ungemütlich, um den Schritt ins Freie zu wagen. Ich hoffe also, dass wir vielleicht im Frühling oder Sommer 2025 endlich wieder zusammen draußen eine Spazierfahrt oder einen Restaurantbesuch unternehmen könnten. Allerdings schien mein Bruder auch in jenem Jahr wenig Antrieb dazu zu haben. Vielleicht war er auch unsicher, wie es ihm im Freien ergehen würde. Wenn es mit der Beatmung einen Notfall gäbe, wäre er zu Hause natürlich deutlich besser aufgehoben.

 

Er brauchte wohl einfach noch ein weiteres Jahr Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen, bis er mit sicherem Gefühl und ohne Sorgen die Wohnung verlassen konnte. Für den sicheren Transport seines Beatmungsgeräts wird hinten an seinem Rollstuhl eine speziell dafür vorgesehene Tasche angebracht. Auch wenn das Beatmungsgerät selbst eine lange Akkulaufzeit besitzt, wird zusätzlich immer ein weiterer, externer Akku angeschlossen, der ebenfalls in der Tasche Platz findet. Was ebenso wenig fehlen darf, ist das Absauggerät, das die diensthabende Pflegerin gemeinsam mit einigen weiteren Utensilien in einer Rolltasche mitzieht.

 

Der erste gemeinsame Ausgang von meinem Bruder und mir fand am Sonntag, den 26. April, statt, zwei Tage nach der Rückkehr von meiner großen Reise. Auf dem Weg zu unserem Ziel, dem Pier 69, fuhren wir in unseren Rollstühlen ein gutes Stück die schöne Seepromenade entlang. Mit dabei waren die Pflegerin meines Bruders sowie unsere Eltern. In den Tagen und Wochen, die folgten, zeigte sich, dass unser „Ausflug“ kein Einmaliger Ausreißer war, denn seitdem ist mein Bruder mehr und mehr auf den Geschmack gekommen. Zeitweise wäre er sogar gerne jeden Tag nach draußen gegangen. Wenn er rausgeht, komme ich fast immer auch mit, denn es gefällt mir ebenfalls sehr, zum See zu fahren oder in eines der Restaurants zu gehen, aber allein schon, mit dem Elektrorollstuhl auf glatten Boden zügig fahren zu können, macht mir einfach Spaß! Neben einer Pflegerin, die stets dabei sein muss, geht meist unsere Mutter oder unser Vater und/oder eine Assistenzperson mit.

 

Beim Rausgehen bin auch ich gut ausgestattet. Seit diesem April nehme ich zur Sicherheit stets mein Beatmungsgerät mit, das ich seit Ende letzten Jahren nicht mehr nur über Nacht, sondern auch während eines zunehmenden Teils des Tages verwende. Ich bin froh, dass ich mich vor einem Jahr um den Umstieg auf ein Beatmungsgerät mit Akku gekümmert habe, um nicht nur auf Steckdosen angewiesen zu sein. Eine Tasche, wie mein Bruder sie hat, die es ermöglicht, das Gerät an den Rollstuhl zu hängen und es während des Fahrens zu benutzen, habe ich bis jetzt noch nicht, denn sie muss erst noch bewilligt werden. Bis dahin muss das Beatmungsgerät in seiner normalen Tasche getragen werden und ich kann es außer Haus nur verwenden, wenn ich nicht fahre und das Gerät aus der Tasche draußen ist. So kann ich die Beatmung zum Beispiel nutzen, wenn ich in einem Restaurant sitze.

 

Um bei kühlerem Wetter meine Hände einigermaßen warm zu halten, ohne sie zu beschweren und dadurch die Fähigkeit, den Joystick meines Rollstuhls zu bedienen, einzuschränken, habe ich wieder etwas Neues ausgetüftelt. Die letzten zwei, drei Jahre nutzte ich eine Kartonschachtel, die über meine Hände gestülpt wurde. Darüber konnten Schals und Jacken gelegt werden, ohne dass sie mich beim Steuern störten. Allerdings war die Schachtel recht voluminös und damit ziemlich unhandlich. Wie sieht meine neue Idee aus? Vorne am Tisch meines Rollstuhls wird ein kleiner Bücherständer fixiert. Im zweiten Schritt werden die Enden eines Schals, der über meinen Nacken gelegt wurde, am Bücherständer festgeklammert, wobei es wichtig ist, dass der Schal möglichst stark gespannt ist. Auf diese Konstruktion sollten nach Bedarf weitere Tücher oder Jacken draufgelegt werden können. Der Vorteil liegt auf der Hand: Ein kleiner Bücherständer, ein paar Metallklammern und ein Schal können ohne Probleme in eine Tasche gesteckt werden, wenn man die Konstruktion gerade nicht benötigt. Im Mai konnte ich den Bücherständer und den Schal manchmal noch gut brauchen, wovon ich bei der Hitze, die es in letzter Zeit meist hat, natürlich weit entfernt bin.

 

Die Hitze bringt auch ihre Probleme mit sich, was ich vor allem Ende Mai erfahren musste, als es, verglichen mit der zweiten Junihälfte, vermeintlich gar nicht so unglaublich heiß war. Der letzte Donnerstag im Mai war ein gewöhnlicher Tag. Am später Nachmittag verbrachten mein Bruder und ich eine Stunde am See, gemeinsam mit einem Assistenten und einer Intensivpflegerin. Bei unserer Ankunft zu Hause hatten sich Teile der Wohnung recht stark aufgeheizt, da wir vergessen hatten, die Rollos zu schließen. Das machte mir noch keine Probleme. Im Laufe des Abends trank ich nicht viel und auch die Gesamtmenge an Nahrung, die ich den Tag über zu mir nahm, war selbst für meine Verhältnisse eher bescheiden. Als ich nachts kurz aufwachte, spürte ich, dass mir unangenehm warm war, was wohl auch damit zu tun hatte, dass mein Fenster, anders als in den Nächten zuvor, nur gekippt statt ganz geöffnet war.

 

Am Morgen vor dem Aufstehen witterte ich bereits, dass möglicherweise irgendetwas nicht ganz in Ordnung war. Ich fühlte mich ganz leicht benebelt und als ich mit dem Patientenlift aus dem Bett angehoben wurde, berührte ich mit den Händen meine Oberschenkel, die sich ungewöhnlich warm anfühlten. Beim Aufsetzen im Rollstuhl nahm ich eine leichte Beschleunigung meines Herzschlags wahr. Während ich anschließend wie jeden Morgen ein paar Durchgänge mit meinem Hustenunterstützungsgerät absolvierte, wurde mein Herzschlag noch schneller. Er blieb danach nicht nur weiterhin schnell, sondern jeder Herzschlag war kräftiger zu spüren, als es normalerweise der Fall ist.

 

Ich ließ mich an mein Beatmungsgerät anhängen in der Hoffnung, das Problem würde sich dadurch legen, was leider nicht der Fall war, weshalb ich besagtes Problem meiner Assistentin mitteilte. Diese war verständlicherweise ziemlich gestresst, da ich in ihrer Anwesenheit nie zuvor über derartige Beschwerden geklagt hatte. Zum Glück ist immer auch eine Intensivkrankenschwester für meinen Bruder hier, die zur Unterstützung kommen konnte. Zunächst wurden noch keine drastischen Maßnahmen ergriffen, doch als sich nach einer halben Stunde weiterhin nichts an meinem Zustand änderte, rief die Pflegerin bei der Rettung an, die bereits nach wenigen Minuten eintraf. Innerhalb dieser kurzen Wartezeit hatte sich meine Situation schon ein wenig gebessert. Ich bekam eine Flüssigkeitsinfusion, woraufhin sich meine Herzfrequenz rasch bei einem normalen Wert einpendelte. Auch eine kleine Glukoseinfusion wurde mir verabreicht, da die Messung meines Blutzuckerspiegels einen äußerst niedrigen Wert ergeben hatte, was wohl teilweise daran lag, dass ich zu dem Zeitpunkt noch nicht gefrühstückt hatte. Bald konnte die Rettung wieder abrücken.

 

Nur drei Tage später erlebte ich ein Abenteuer der komplett anderen Art: Ich war zu Besuch in der HAK Bregenz, um bei der Religionsstunde von Martha Müller dabei zu sein, die von Anfang 2021 bis August 2024 bei uns als persönliche Assistentin gearbeitet und uns dabei stets sehr gute Dienste erwiesen hat. Danach hat die studierte Theologin etwas Neues gewagt: Seit nun schon zwei Jahren unterrichtet sie als Quereinsteigerin Religion. Auch wenn sie dafür ihre Anstellung bei uns beenden musste, ist sie weiterhin mit uns in Verbindung geblieben. Immer wieder ist sie in den letzten zwei Jahren aushelfen gekommen, wenn jemand ausfiel und sie zufällig Zeit hatte. Sie schneidet uns auch weiterhin die Haare, womit sie bereits vor über fünf Jahren anfing, als sie neu bei uns angestellt war. Es ist schön, dass es Leute gibt, die auch noch nach ihrem Dienstverhältnis bei uns Teil unseres Lebens bleiben.

 

Aber wieso war ich bei ihr in der Schule? So viel vorweg: Die ursprüngliche Idee kam nicht von mir. Alles fing damit an, dass Martha mit einer ihrer Klassen einen Text aus meinem Blog las und besprach. Nicht irgendeinen Text, sondern einen mit Religionsbezug, in dem ich aber eher eine religionskritische, (lebens-)philosophische Perspektive eingenommen und Argumente für meinen Atheismus genannt habe. Veröffentlicht hatte ich ihn im Dezember 2025. Nachdem ein anderer Assistent von mir, ebenfalls ein studierter Theologe, diesen Text gelesen und erfahren hatte, dass Martha ihn in ihrem Unterricht behandelt hatte, kam ihm folgende Idee: „Hättest du nicht vielleicht Lust, einmal eine Unterrichtsstunde von ihr zu besuchen und mit ihren Schülern üben diese Themen zu sprechen?“ Mein eher skeptisches „Naja, vielleicht…“ war für ihn Grund genug, dass er Martha wenige Tage später in einem E-Mail von seiner Idee erzählte.

 

Als ich Martha das nächste Mal sah, war sie sichtlich erfreut über mein eventuelles Interesse. Zwar war ich eigentlich noch nicht richtig überzeugt davon, dachte mir dann aber: „Warum nicht? Man darf sich ja ab und zu auch zu Dingen überwinden, die man noch nie zuvor gemacht hat, selbst wenn sie außerhalb der eigenen Komfortzone liegen.“ Ich sah das ganze als Gelegenheit, um meinen Horizont zu erweitern und mich einer Herausforderung zu stellen, also sagte ich zu.

 

Am Montag, den 1. Juni, war der aufregende Tag gekommen. Martha gestaltete die Unterrichtseinheit so, dass es für mich nicht zu anstrengend war. Bei der „auserwählten“ Klasse handelte es sich um eine Gruppe von etwa 15 Mädchen im Alter von 17 oder 18 Jahren. Im Vorhinein hatten sie jeweils als Zweiergruppen die Aufgabe bekommen, einen Text aus meinem Blog zu lesen und das Verhalten der darin vorkommenden Protagonisten mit den Werten der christlichen Soziallehre in Beziehung zu setzten. Ihre Erkenntnisse hatten sie sich notiert, um sie in meiner Anwesenheit kurz präsentieren zu können. Meine Aufgabe bestand darin, die Ausführungen zu ergänzen und meine eigene Sichtweise einzustreuen oder einfach nur zuzustimmen. Auch generelle Fragen dazu, wie ich zum Beispiel meine Texte schreibe, durfte ich beantworten. Mit der gesamten Situation kam ich besser zurecht, als ich erwartet hätte. Ich war ein wenig überrascht, wie selbstsicher und ohne Aufregung ich vor und mit den Schülerinnen sprechen konnte, die ich zuvor alle nicht gekannt hatte.

 

Noch am selben Tag brachte mein Vater am Abend einen Glukosesensor für mich mit, denn meine Eltern und ich wollten den niedrigen Blutzuckerwert, den die Rettung bei mir wenige Tage zuvor festgestellt hatte, nicht einfach ignorieren, da er möglicherweise ein Hinweis darauf war, dass ich häufiger unterzuckert war, vor allem in den Morgenstunden vor dem Frühstück. Der Blutzuckersensor, der gerade mal die Größe einer kleinen Münze hat, wird auf die Haut geklebt und zeichnet durchgehend den Blutzuckerspiegel auf, den man jederzeit über die zugehörige Handy-App einsehen kann. Ein Sensor hält 15 Tage, danach muss er ausgetauscht werden. Wie vermutet, zeigte sich, dass mein Blutzuckerspiegel immer wieder in einen zu niedrigen Bereich fiel, gerade über Nacht, wenn ich lange nichts mehr gegessen hatte.

 

Doch für alles gibt es eine Lösung. Seither habe ich meine Trinknahrung in Gebrauch, die ich, wenn nötig; auch im Bett liegend zu mir nehmen kann. Jetzt kommt mir zugute, dass ich bereits letzten Herbst vorausschauend genug war, um mich sachte an Trinknahrung heranzutasten und sie auszuprobieren. Im April bestellte ich dann einen kleinen Vorrat, den ich keine zwei Monate später bestens gebrauchen konnte. Diese Trinknahrung ist generell eine gute Sache, da ich damit auch am Tag zwischendurch recht viele Kalorien in kurzer Zeit zu mir nehmen kann und keinen Stress damit habe, all meine Kalorien über normale Nahrung zusammenbekommen zu müssen, die für mich teilweise anstrengend zu kauen ist.



Langfristig ist wohl eine permanente Magensonde die beste Lösung, wie mein Bruder seit zweieinhalb Jahren eine hat. Das bedeutet aber nicht, dass ich dann nichts mehr auf normalem Wege essen werde, denn auch mein Bruder kocht und isst weiterhin sehr gerne und es ist ihm nach wie vor möglich, nur eben nicht in großen Mengen. Ich habe jedoch noch keinen genauen Zeitplan, wann ich die Magensonde tatsächlich haben möchte. Ich denke, die entscheidende Frage ich nicht „Wann möchte ich eine Magensonde!“, sondern „Ab wann brauche ich eine?“

 

Jetzt zu einer ganz anderen, aber nicht minder wichtigen Frage: Wie zufrieden bin ich mit dem Ausgang der Fußball-WM? Vor der WM war meine Idealvorstellung, dass sich im Finale Spanien und Argentinien gegenüberstehen würden. Und tatsächlich ist dieser Fall eingetreten! Bei Nationalmannschaftsturnieren ist Spanien so gut wie immer einer meiner Favoriten, was sich diesmal besonders dadurch verstärkte, dass fast ein Drittel der Spieler aus Spaniens 26-Mann-Kader beim FC Barcelona unter Vertrag stehen. Da ich noch immer ein Fan von Messi bin, der bis vor fünf Jahren beim FC Barcelona war, hoffte ich auch darauf, dass er mit seinen Argentiniern weit kommen würde. Natürlich hätte ich auch gehofft, dass Österreich weit käme und war in den Spielen gegen Argentinien und Spanien für „unsere Jungs“. Allerdings war ich realistisch genug, um nicht von einem österreichischen Finaleinzug zu träumen.

 

Für mich als langjähriger Barca-Fan war das Finale eine Win-Win-Situation, denn ich konnte mich freuen, egal, wer gewinnen würde. Auch für die Verliererseite würde ich mich nicht stark ärgern müssen, denn würde Argentinien verlieren, wüsste ich, dass Messi sich den großen Traum eines WM-Titels bereits 2022 erfüllt hat. Bei einer Niederlage von Spanien hätten mehrere Spieler des FC Barcelona, die noch sehr jung sind, wohl noch zwei, drei WMs vor sich und damit noch immer die Chance, einmal Weltmeister zu werden.

 

Worauf ich mich vor dem Finale besonders freute, war die Begegnung zwischen dem 19-jährigen Spanier Lamine Yamal und dem mittlerweile 39-jährigen Lionel Messi. Ersterer ist momentan der größte Star des FC Barcelona und damit in gewisser Weise der Nachfolger von Messi, der diese Rolle bei Barca fast eineinhalb Jahrzehnte lang innehatte. Es war das erste und höchstwahrscheinlich auch letzte Duell zwischen den beiden. Leider blieb das Finalspiel etwas unter meinen Erwartungen: Statt einem flotten Spiel mit guten Angriffen auf beiden Seiten war es eine extrem einseitige Angelegenheit. Spanien dominierte nach Belieben gegen ein erschreckend schwaches Argentinien, dessen Offensivbemühungen nicht existent waren, was die Spieler scheinbar kompensieren wollten, indem sie viele harte Fouls begingen, wobei der Schiedsrichter oft ein Auge zudrückte und nur selten zur gelben Karte griff. Da den Spaniern in der regulären Spielzeit ebenfalls kein Tor gelang, gab es Verlängerung, in der die Argentinier wegen einer roten Karte nur noch zu zehnt agierten. In der 106. Minute passierte das, was längst überfällig war: Spanien gelang das 1:0. Torschütze war der eingewechselte Ferran Torres, ein Spieler des FC Barcelona! Danach wachte Argentinien auf, brachte aber keinen gefährlichen Schuss aufs Tor mehr zustande. Somit krönte sich Spanien wie schon 2010 zum Fußballweltmeister.

 

Während des Spiels realisierte ich, dass es nicht nur Vorteile hat, wenn man beide Mannschaften etwa gleich gerne als Gewinner haben würde. Würde mein Favorit gegen ein Team gewinnen, das ich nicht mag, wäre ich während des Spiels sehr aufgeregt, wodurch die Freude und die Erleichterung über den Sieg am Ende viel großer wären. Da ich in diesem Spiel aber ohnehin wusste, dass ich mit jedem Ausgang zufrieden sein konnte, fühlte ich mich beim Tor und nach dem Schlusspfiff eher positiv neutral, aber nicht euphorisch glücklich. So, wie das Spiel lief, konnte es keinen anderen Sieger als Spanien geben, alles andere wäre nicht verdient gewesen. Es scheint, als ginge die grandiose Erfolgszeit der argentinischen Nationalmannschaft vorerst zu Ende. Natürlich finde ich es schade für Messi, dass er nun zum zweiten Mal in seiner Karriere ein WM-Finale verloren hat. Allerdings hat er ohnehin schon alles erreicht und muss niemandem mehr etwas beweisen. In Messis ersten 15 Nationalmannschaftsjahren konnte Argentinien keinen einzigen internationalen Titel gewinnen. Doch vor fünf Jahren platzte endlich der Knoten: Zwischen 2021 und 2024 führte Lionel Messi die Mannschaft als Kapitän zu zwei Südamerikameisterschaftstiteln und zum ersehnten WM-Sieg!

 

Jetzt ist die Zeit einer anderen Mannschaft gekommen, für die ich mich ebenfalls freue: Die Spanier, die schon vor zwei Jahren die Europameisterschaft gewonnen haben, sind auch dank den jungen, talentierten Spielern vom FC Barcelona so erfolgreich. Ich hoffe, dass es die nächsten Jahre so weitergeht. Gegen Argentinien wurden insgesamt sechs Spieler des FC Barcelona eingesetzt. Drei standen in der Startelf, weitere drei wurden im Laufe des Spiels eingewechselt. All diese Spieler, plus die zwei Barca-Spieler, die das ganze Finalspiel auf der Ersatzbank verbrachten, hatte ich drei Monate zuvor auf unserer Barcelona-Reise live im Stadion spielen gesehen. Ich finde es sehr besonders, dass ich acht Spieler, die jetzt Weltmeister sind, wenige Monate zuvor in echt sehen konnte!

 

Es ist schon wieder mehr als die Hälfte des Jahres vorbei. Meine Zwischenbilanz fällt auf alle Fälle positiv aus. Allein schon deshalb, weil ich es tatsächlich zu einem Spiel des FC Barcelona geschafft habe, was ich vor wenigen Jahren niemals gedacht oder überhaupt in Erwägung gezogen hätte! Wenn solch ein großes, einzigartiges Ereignis, auf das man lange gewartet und wofür man aufwändige Vorbereitungsarbeit geleistet hat, auf einmal hinter einem liegt, ist das oft ein eigenartiges Gefühl. Einerseits habe ich viele schöne Erinnerungen, andererseits würde ich das Ganze gerne nochmal erleben und frage mich, ob ich in der Zukunft nochmal so eine Reise erleben werde und wie oft ich überhaupt noch die Gelegenheit haben werde, zumindest kleine Ausfahrten mit mindestens einer Hotelübernachtung zu unternehmen. Eines ist sicher: Einfacher wird es nicht werden. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass es unmöglich ist.

 

Hoffentlich wird sich dieses oder nächstes Jahr wieder eine Reise ausgehen. Meine zwei besten Gründe zum Verreisen wären ein Konzert oder ein Fußballspiel. Ich möchte stets Ausschau nach solchen Gelegenheiten halten. In zwei Jahren findet die Fußballeuropameisterschaft in Großbritannien und Irland statt. Es wäre ein Traum von mir, bei einem solchen Spiel dabei zu sein. Auch in London werden Spiele sein. Mit dem Zug wäre man von uns aus sogar deutlich schneller in London als in Barcelona. Wenn wir es nach Barcelona geschafft haben, müssten es für uns theoretisch ebenso möglich sein, nach London zu kommen. Aber für Pläne ist es noch viel zu früh. Und wer weiß schon, wie es mir in zwei Jahren geht? Ob es für mich dann immer noch möglich sein wird, zu reisen?

 

Vielleicht fange ich lieber erstmal kleiner an, denn für diesen Sommer habe ich noch ein paar Ziele. Ich möchte zum Beispiel wieder einmal Baden gehen. Mein ehemaliger Physiotherapeut Thijs hat dafür wieder seine Unterstützung angeboten. Gegen einen kleinen Tagesausflug hätte ich ebenfalls nichts einzuwenden. Eine Schifffahrt nach Lindau wäre vielleicht nett…

 

2 Kommentare

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Doris
02. Aug.

Sehr interessant immer wieder zu lesen, sogar für mich! 😍

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Angelika
27. Juli
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke Paul für deinen Bericht über die letzten Monate.

Übrigens: ich habe nur für Spanien die Daumen gedrückt und mich sehr gefreut, als es dann doch noch ohne Elfmeterschießen geklappt hat.

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