Mein größtes Vorbild?
- Paul Wechselberger
- 8. Apr.
- 9 Min. Lesezeit
Heute wird mein Bruder 27 Jahre alt! Zu diesem Anlass möchte ich ihm als eine Art Geburtstagsgeschenk einen eigenen Text widmen, in dem ich ein paar gemeinsame Erinnerungen aus unserer Kindheit aufgreife und anschließend positive Eigenschaften von ihm aufzähle.
In der Kindheit spielten wir sehr viel gemeinsam, vor allem mit unserem Playmobil. Dabei kamen wir den Großteil der Zeit gut miteinander aus, wenngleich es natürlich manchmal kleinere Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten gab. Beim Playmobil wussten wir genau, wem was gehörte und ließen den anderen nur äußerst ungern mit den eigenen Sachen spielen. Einmal machte mein Bruder sich einen Spaß daraus, meine Playmobil-Heuballen zu stibitzen, aber nicht, weil er selbst mit ihnen spielen wollte, sondern hauptsächlich, weil es ihm gefiel, wie sehr ich mich darüber aufregte. Er tat so, als seien die Heuballen seine Nahrung und behauptete, er würde sie mit in seine Höhle nehmen. Immer wieder rief ich: „Nur wegen dir hab ich jetzt die Nase voll von dir!“ Nach meinem Empfinden dauerte es Stunden, bis er mir die Heuballen zurückgab. Ganz so lang kann es jedoch nicht gewesen sein, denn alles spielte sich vor dem Frühstück ab. Vielleicht vergeht die Zeit gefühlt langsamer, wenn man wütend ist.
Aber auch, wenn jeder nur mit seinen eigenen Sachen spielte, konnte es zu Streitigkeiten kommen, zum Beispiel im Urlaub. Ja, auch im Urlaub konnten wir nicht auf Playmobil verzichten, weshalb wir mehrere kleine Taschen damit füllten, um wenigstens einen Bruchteil unseres gesamten Playmobils mitzunehmen. Auf dem nachfolgenden Bild seht ihr, wie es in den Ferienwohnungen oft aussah.

Im Italienurlaub 2009 wollte ich spielen, dass meine Playmobilmenschen an einem anderen Ort Urlaub machen als die Menschen meines Bruders. Da die Ferienwohnung eher klein war, war der räumliche Abstand in der Realität recht gering, aber ich wollte einfach so tun, als ob es zwei unterschiedliche, weit voneinander entfernte Orte wären. Leider sah mein Bruder die Sache genau umgekehrt: Er wollte, dass beide am selben Ort und genau so nahe beieinander wären, wie es der räumlichen Realität dieses Wohnzimmers entsprach. „Ja, aber im Spiel sind deine woanders…“, versuchte ich, ihn zu überzeugen, doch es funktionierte nicht. Irgendwann schrie ich nur noch: „DEINE sind woANDERS!!!!“
Manchmal spielte mein Bruder mit mir „Mach mal Mund auf und Augen zu!“ Das Konzept war simpel: Mein Bruder forderte mich auf: „Mach mal Mund auf und Augen zu!“ Wenn ich naiv genug war, seinen Anweisungen Folge zu leiden, steckte er mir eine Überraschung in den Mund. Leider handelte es sich selten um etwas Essbares, sondern meist um irgendeinen Gegenstand, den ich schnell wieder ausspuckte. Als ich gelernt hatte, dass es nicht empfehlenswert ist, in der Nähe des großen Bruders die Augen zu schließen und gleichzeitig den Mund zu öffnen, versuchte er einmal trotzdem, mir etwas in den Mund zu stecken. Auf dem Boden hatte er ein Stück Staub gefunden und hielt es bedrohlich nahe an meinen Mund. Zum Glück konnte ich den Staubangriff erfolgreich abwenden.
Ein paar Jahre später hatte mein Bruder eine neue Geheimwaffe: Seine Zunge. Er leckte mich gerne ab, denn er wusste, wie sehr ich mich vor fremder Spucke ekelte. Da die Reichweite der Zunge begrenzt ist, verfeinerte er seine Methode, indem er zuerst seine Hand ableckte, um mich dann mit dieser zu berühren. Ich wehrte mich meist, indem ich meine Stimme erhob und ihn wütend anschrie. Wenn ich seine Spucke an einen Körperteil von mir bekam, hatte ich meist das dringende Bedürfnis, diesen mit Seife abzuwaschen.
Wie ihr seht, hat mein Bruder mir in der Kindheit hin und wieder Nerven gekostet. Aber ich darf es ihm nicht allzu übelnehmen, denn als großer Bruder war es nun mal seine Pflicht, den kleinen Bruder zu ärgern! Im Großen und Ganzen war unser Verhältnis jedoch sehr gut und harmonisch und wir hatten viel Spaß zusammen.
Gerade im Laufe der letzten Jahre ist mir mehr und mehr aufgefallen, dass ich meinen Bruder in vielen Bereichen als Vorbild nehmen könnte. Er erscheint mir zum Beispiel deutlich mutiger und resilienter als ich. Manche haben anfangs vielleicht einen falschen Eindruck von ihm, weil er mit neuen Leuten zuerst noch weniger redet als ich es tue. Ebenfalls ein nicht ganz der Realität entsprechender Eindruck entstand, wenn wir gemeinsam bei Ärzten Termine für Untersuchungen hatten. Meist erklärte ich mich freiwillig dazu bereit, als Erster an die Reihe zu kommen. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass ich einfach mutiger war. In Wahrheit hatte es jedoch auch damit zu tun, dass ich es möglichst schnell hinter mich bringen wollte, um nicht noch länger wartend auf die Folter gespannt zu werden. Ihn schien es weniger zu stressen, noch ein paar zusätzliche Minuten zu warten, weshalb er mir gerne den Vortritt ließ. Natürlich könnte man es mir auch als mutig auslegen, dass ich mich als erster in die Nähe des Arztes wagte, aber die Untersuchungen waren meist ohnehin harmlos und damit keine große Sache. Bei diesen kleinen Dingen war ich möglicherweise wirklich manchmal der Mutigere von uns beiden, doch sobald es um größere Dinge geht, wie eine Operation oder einschneidende Veränderungen, ist eindeutig mein Bruder mental stärker.
Generell macht er sich, soweit ich glaube, weniger Sorgen über Dinge als ich. So gut wie immer schien er sich an Neues rasch zu gewöhnen und sofort damit zurechtzukommen. Mit vielen Dingen, die mir so sehr zu schaffen machten, dass ich Jahre später in meinem Blog ganze Romane darüber schreibe, um sie aufzuarbeiten, egal, ob ich die Dinge überhaupt durchzog oder nicht, nahm er es wie selbstverständlich auf. Die Beinoperation im Alter von elf Jahren, die ich, als ich drei Jahre später an der Reihe gewesen wäre, komplett verweigerte, ließ er ohne Querstellen über sich ergehen. Sein Kommentar fünfzehn Jahre danach lautete: „Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich zur Operation auch nein sagen könnte.“ Vielleicht war es für meinen Bruder in dieser Hinsicht ein Vorteil, dass er der Erste von uns beiden war und somit noch keine Bilder im Kopf hatte, die ihn hätten abschrecken können. Wenn man hingegen der Jüngere ist und am eigenen Bruder sieht, was auch auf einen selbst zukommen wird, ist das nicht immer leicht. Andererseits bekomme ich dadurch die Gelegenheit, anhand seines Beispiels zu lernen und habe Zeit, mich vorzubereiten, während er in vielen Situationen vielleicht vergleichsweise unvorbereiteter war und sie trotzdem – oder auch genau deswegen - meist besser meisterte als ich.
Nach seiner Operation im Jahr 2010 begann er, einen Rollstuhl zu benutzen. Diese Umstellung schien er vom ersten Tag an gut zu akzeptieren. Ich kann mich an keinen einzigen Moment erinnern, in dem er damit gehadert hätte. Eine Phase der Ablehnung, des Ärgers und des Zornes, die bei mir sehr stark ausgeprägt war, gab es bei ihm überhaupt nicht. Auch trug er nach dieser Operation nachts jahrelang Schienen an den Füßen. (Diese nannte er oft spaßeshalber „die Fußen“.) Ich hatte auch mal Fußschienen für die Nacht, empfand sie allerdings als so störend, dass die Nächte, in denen ich sie tatsächlich trug, wohl an einer Hand abgezählt werden können.
Sobald mein Bruder ein Beatmungsgerät bekam, das ihn in der Nacht über eine Nasenmaske beim Atmen unterstützen sollte, benutzte er dieses auch und tolerierte es sofort die ganze Nacht. Er musste es nicht zunächst ein paarmal untertags ausprobieren, um sich behutsam ranzutasten und zu gewöhnen. Nein, er zog es einfach von Anfang an jede Nacht durch! Ich tat mir damit bei Weitem nicht so leicht und brauchte viele kleine Annäherungsschritte, bis ich zum ersten Mal eine ganze Nacht durchhielt. Die invasive Beatmung über die Kanüle, mit der mein Bruder seit über zwei Jahren 24 Stunden am Tag lebt, stelle ich mir unangenehmer vor als eine Maske, doch auch das steckt er gut weg.
Was er auch besser wegsteckte als ich, war seine MRT-Untersuchung. Während meine, die ich zwei Monate vor ihm hatte, nach fünf Minuten panikbedingt abgebrochen werden musste und ich danach monatelang mit den Nachwirkungen dieser psychischen Belastung zu kämpfen hatte, war die Untersuchung für ihn nicht schlimm. Klar, Menschen sind unterschiedlich und ich muss mit mir nicht hart ins Gericht gehen, nur, weil ich auf manche Dinge sensibler reagiere. Wenn man meinen Bruder fragt, was ihm von der MRT-Untersuchung am ehesten unschön in Erinnerung geblieben ist, würde seine Antwort lauten: „Nicht einmal im MRT kann man dem Lied ‘Last Christmas‘ entkommen!“ Auf die Ohren hatte er nämlich zusätzlich zu den Ohrenstöpseln Kopfhörer bekommen, über die zur Ablenkung Radio lief, und weil es in der Weihnachtszeit war, kam er natürlich nicht drumherum, dieses Lied zu hören.
Bei all dem, woran mein Bruder sich derart schnell gewöhnt hat, ist es etwas kurios, dass das, wofür er die längste Gewöhnungszeit brauchte, seine Brille war! Als er vom Augenarzt erfuhr, dass er kurzsichtig sei, fand er anschließend im Brillengeschäft kein Modell, dass ihm gefiel. Nachdem er irgendwann doch eine Brille hatte, trug er sie zunächst kaum, bis er plötzlich überrascht feststellte, dass er mit Brille viel besser sehen konnte. So ähnlich, wie ich einen Rollstuhl zunächst als etwas Schlechtes sah und erst später erkannte, dass es mir mit Rollstuhl besser ging als in den letzten Monaten ohne Rollstuhl. Mit diesen großen Veränderungen hatte mein Bruder wie erwähnt viel weniger Probleme als ich. Er verschwendete keine Zeit damit, sich querzustellen, sich nicht helfen zu lassen und wütend oder schlecht gelaunt zu sein. An seinem Beispiel zeigt sich eindeutig, dass Akzeptanz und Hilfe anzunehmen nichts Schlechtes sind, sondern ein Zeichen von Weisheit und Stärke. Aber diese Erfahrung muss eben jeder für sich selbst machen.
Auch kulinarische Erfahrungen gehören zum Leben dazu. Umso besser, dass mein Bruder ein passendes Hobby hat, von dem auch ich in dieser Hinsicht sehr stark profitierte: Dank seiner Kochkünste gibt es so gut wie immer etwas Gutes zu essen. Eine Affinität und Leidenschaft für gutes Essen hatten wir beide schon immer, doch erst vor vier, fünf Jahren hat er begonnen, in der Küche den metaphorischen Kochlöffel selbst in die Hand zu nehmen. Metaphorisch deswegen, weil er die physischen Vorgänge nicht selbst ausüben kann, weshalb die Assistenzpersonen ihm ihre Hände leihen. Aber er hat den Plan im Kopf und gibt jeden Schritt detailliert vor.
Doch wie hat diese „Kochkarriere“ begonnen? Früher machten häufig die Assistenzpersonen Kochvorschläge oder wir suchten mit ihnen gemeinsam etwas aus dem Tiefkühler aus. Manchmal trat dabei das Problem auf, dass mein Bruder zwar sehr genau wusste, was er nicht wollte, aber nicht immer so genau wusste, was er denn nun wollte. Er brauchte also häufig lange, um sich zu entscheiden, was manchmal nicht zuletzt daran lag, dass ihm eigentlich gar keine Option so richtig zusagte.
Aus diesem Grund begann er irgendwann, selbst Rezepte aus dem Internet herauszusuchen, von denen er wusste, dass sie ihm auf jeden Fall schmecken würden. Zunächst ließ er die Assistentinnen diese selbst kochen, doch da sie es nicht immer so umsetzen, wie er es sich vorstellte oder anhand des Rezepts erwartet hätte, fing er an, manchen Assistenzpersonen während des Kochvorgangs über die Schulter zu schauen und nach Bedarf auch Anweisungen zu geben. Von dort weg entwickelte er sich immer mehr zu einem Kochexperten. Nicht nur sein Wissen, sondern auch seine Kreativität, die er in der Küche hat, ist beeindruckend. Er kommt auch mal ohne Rezept aus oder lässt sich für ein Gericht von mehreren Rezepten inspirieren. Am meisten freue ich mich aber oft über Gerichte, die wir bereits in der Kindheit sehr gerne hatten.
Vor zweieinhalb Jahren hat mein Bruder im Internet seinen Rezepte-Blog gestartet. Bei MAXWEX‘ Kochkunst könnt ihr euch ein Bild davon machen, mit welchen Köstlichkeiten er mich und die gesamte Familie verwöhnt. Ob Süßspeisen, alle möglichen Brotsorten und Nudelgerichte, Vegetarisches und Veganes, oder die eine oder andere fleischhaltige Speise: Alles ist dabei!
Ich profitiere jedoch nicht nur von seinen Ideen in der Küche, denn auch in anderen Bereichen fällt ihm vieles ein. So hat er zum Beispiel seit vier Jahren einen Beamer in seinem Zimmer, der das Bild nach oben an die Decke projiziert, sodass er es vom Bett aus sehen kann. Diese geniale Idee musste ich ihm natürlich nachmachen! Ich profitiere täglich davon, wäre von selbst aber wahrscheinlich nicht darauf gekommen. Kein Wunder, dass er sich mit solchen technischen Geräten auskennt, denn bereits seit mehreren Jahren hat er einen Bachelor in Informatik. Zum Master fehlt ihm nur noch die Abschlussarbeit.
Mein Bruder und ich haben unseren eigenen Insider-Humor. Manchmal verwenden wir Phrasen, die zum Standardvokabular bestimmter Personen gehören. Auch Wortspiele mag mein Bruder gerne. Ich glaube, sie gefallen ihm vor allem deshalb, weil die meisten Leute bei den Wortspielen, die er benutzt, zunächst nicht mitkommen. Ich finde es meist aber nicht besonders schwer, seine Wortspiele zu verstehen. Es hilft, wenn man dabei nicht zu kompliziert denkt, denn teilweise sind es alberne Wortspiele, die aber immer von Kreativität zeugen. Wenn er zum Beispiel kurz vor irgendwelchen Wahlen etwas über eine „Haikarte“ redet, weiß ich direkt, dass er nur eine lustige Bezeichnung für „Wahlkarte“ meinen kann. Vielleicht trifft das nicht den Humor von jedem, doch immerhin ist es kreativ und eine gute Geheimsprache.
Während ich zumindest seine Wortspiele verstehe, ist seine Fähigkeit, mich zu verstehen, nochmal auf einem anderen Level, denn er versteht mich auch ohne Worte. Manchmal kommt mir wirklich vor, er könne meine Gedanken lesen, wenn er, obwohl noch kaum Informationen ausgesprochen wurden, schon riecht, was ich möchte! Man kann es gar nicht anders sagen: Er ist sehr aufmerksam! (Ich bin mir sicher, dass er diese Anspielung versteht.)
Ich wünsche meinem sehr aufmerksamen, kochbegabten, kreativen, weisen, mental starken, resilienten Bruder für sein neues Lebensjahr viel Glück, Freude und dass all seine neuen Küchenexperimente gelingen. Hoffentlich haben wir in Zukunft noch viele schöne, lustige und kulinarisch bereichernde Momente miteinander. Zum Glück ist mein Bruder kein Musiker mit Hang zum Drogenkonsum, denn für diese Leute ist 27 ja ein ganz gefährliches Alter! Übrigens habe ich ausgerechnet, dass der Altersunterschied zwischen meinem Bruder und mir 993 Tage beträgt. Schade, dass er nicht eine Woche früher, am ersten April 1999, geboren ist, denn dann wären wir genau 1000 Tage auseinander!


Vielen herzlichen Dank für den Bruder-Blog!
Liebe Grüße
Erika
max, herzlichen glückwunsch!!
paul, wieder ein dankeschön für den tollen text..
pfüate, thijs
Hallo Paul,
Welcher Bruder hat schon mal so ein schönes Geburtstagsgeschenk bekommen?
Max, alles Gute zu deinem 27. Geburtstag!
Vielen Dank für das tolle Geschenk, Paul😀😍 Dafür hast du ein extra großes Stück von meinem Geburtstagskuchen verdient. Dein schon so alter Bruder.🙃
💝