Lust auf ein Rollstuhlabenteuer?
- Paul Wechselberger
- vor 4 Tagen
- 9 Min. Lesezeit
Seit bald sechs Jahren habe ich meinen elektrischen Rollstuhl. Wie ich in meinem letzten Text erwähnt habe, bin ich mit ihm zum Glück noch nie umgekippt. Allerdings habe ich mit ihm trotzdem schon das ein oder andere Abenteuer erlebt. Ich möchte euch heute von zwei solchen Abenteuern erzählen, die sich beide im Jahr 2022 abgespielt haben. Gefährlich wurde es in diesen Situationen zwar nicht, doch die zweite Geschichte hätte durchaus ein wenig anders ausgehen können. Wenn ich mich im Nachhinein an die Ereignisse zurückerinnere, finde ich sie sogar ein wenig lustig. Als sie gerade passierten, war mir jedoch weniger zum Lachen zumute…
Als eine Spazierfahrt zur Irrfahrt wurde
Bevor ich zur eigentlichen Geschichte komme, muss ich noch eine Sache erklären, die später entscheidend wird:
Zwei Monate vor der Spazierfahrt, die zur Irrfahrt wurde, war bei meinem Rollstuhl ein kleiner technischer Defekt aufgetreten: Beim Fahren in der Wohnung blieb er auf einmal stehen und auf dem kleinen Bildschirm am Steuermodul erschien eine den Joystick betreffende Fehlermeldung. Daraufhin schaltete ich einmal aus und ein und konnte anschließend wieder normal fahren. Doch weil das Problem innerhalb der nächsten Wochen wiederholt, aber auch mit zunehmender Häufigkeit auftrat, meldete ich es unserem verlässlichen Herrn vom Rollstuhl-Service, der sich seit Jahren um so gut wie alles kümmert, was in irgendeiner Weise mit unseren Rollstühlen zu tun hat. Nach wenigen Tagen kam er auch schon zu uns nach Hause, um die fehlerhafte Steuerung zu ersetzen. Das Steuermodul mit Joystick ist in den kleinen, durchsichtigen Tisch aus Plexiglas eingelassen, den ich an meinem Rollstuhl habe. Um den Austausch der Steuerung unkomplizierter zu gestalten, brachte er praktischerweise einen Ersatztisch mit, in dem bereits ein Steuermodul eingebaut war. Er steckte das Kabel aus, welches die alte Steuerung mit dem Motor verband, und nahm den alten Tisch aus der Verankerung am Rollstuhl. Danach musste er nur noch den Ersatztisch in die Verankerung schieben und das Kabel an das neue Steuermodul anschließen.
Allerdings hatte die Sache einen kleinen Schönheitsfehler: Normalerweise liegt der Tisch auf den Armlehnen passgenau auf, sodass die Außenränder des Tisches genau mit denen der Armlehnen übereinstimmen. Der Ersatztisch war allerdings nicht ganz zentriert, wodurch er links einige Zentimeter über den Rand der Armlehne ragte, während er die rechte Lehne nicht bis ganz außen bedeckte. Oder wie es eine unserer Assistentinnen ausdrückte: „Jetz isch auf der Seite kein Glas, und da drüben goht des so drüber!“

Aber halb so wild, denn dieser nicht zentrierte Tisch diente nur als Übergangslösung, bis eine neue Steuerung bestellt, geliefert und in meinen alten Tisch eingebaut werden würde. Ich rechnete anfangs mit wenigen Wochen. Schlussendlich blieb die provisorische Lösung mit Schönheitsfehler den gesamten Sommer über bestehen. An sich bereitete mir dieser Schönheitsfehler keinerlei Probleme. Bis auf ein einziges Mal. Und dieses einzige Mal war ausgerechnet bei der nachfolgend beschriebenen Irrfahrt, die bereits ohne dies abenteuerlich genug verlaufen wäre.
Es war ein schöner Sonntagnachmittag im August. Und was könnte es an einem traumhaften Sommertag Besseres geben, als eine Spazierfahrt zum Krankenhaus! Nein, ich war nicht krank, stattdessen war es meine freie Entscheidung, einen Herzultraschall durchführen zu lassen. Nicht, weil es mir schlecht ging, sondern zur reinen Kontrolle, weil der letzte Ultraschall bereits über ein Jahr zurücklag. Was insgeheim der größere Grund war: Ich wollte später in diesem Sommer ins Strandbad, was ich mehrere Jahre lang nicht mehr getan hatte. Deshalb war ich etwas skeptisch, wie mein Körper mit der ungewohnten Situation der plötzlichen „Kälte“ zurechtkäme. Um diese etwas hypochondrischen Gedanken zum Schweigen zu bringen, konnte ein Herzultraschall nicht schaden, denn der würde zumindest Auskunft darüber gegeben, wie es um mein Herz stünde und ob alles in Ordnung wäre.
Aber Moment mal: Eine geplante, überhaupt nicht dringliche Untersuchung, AM SONNTAG?!? Ja, das sind die Vorteile, wenn man der Sohn eines Arztes ist. Mein Vater kann mit mir an seinem freien Tag ins Krankenhaus gehen und selbst den Ultraschall durchführen. Allerdings sollte man die Vorteile nicht überbewerten, denn auch ein Arzt erkennt nicht immer, wie es um seinen Sohn steht, denn bevor ich im Herbst 2019 auf die Intensivstation musste, war es meine Mutter, die als erste erkannte: „Er muss jetzt ins Krankenhaus!“ Vielleicht hätte mein Vater sonst noch länger gewartet. (Ich weiß, ich schweife wieder ab.)
Aber wie wurde nun diese Spazierfahrt im Sommer 2022 zur Irrfahrt? An diesem Tag nahmen wir nicht das Auto, denn im Sommer möchte man Zeit an der frischen Luft verbringen und das Krankenhaus ist immerhin weniger als zwei Kilometer von uns entfernt. Das Heißt, ich fuhr mit meinem Rollstuhl und mein Vater lief zu Fuß neben mir her. Wir hätten ein Stück am See entlang „gehen“ können, doch wir entschieden uns für einen möglichst direkten Weg ohne unnötige Schlenker. Zumindest war das unser Plan. Dazu mussten wir eine Unterführung passieren, die komplett von unebenen Pflastersteinen bedeckt war. Ich bin nicht sicher, ob es eine größere Feindschaft gibt als die zwischen Pflastersteinen und Rollstuhlfahrern. Sobald meine Geschwindigkeit ein km/h überschritt, wurde der Rollstuhl so sehr zum Rütteln gebracht, dass mein Kopf in alle Richtungen schaukelte und ständig an der Kopfstütze anstieß. In solchen Fällen hilft nur noch Humor: „Gut, dass wir Richtung Krankenhaus unterwegs sind, dann kann ich dort gleich auch die Gehirnerschütterung behandeln lassen, die ich dank diesen Pflastersteinen haben werde!“, scherzte ich.
Als die Unterführung endlich bezwungen war, standen wir vor einer Weggabelung. Mein Vater hatte vor, die rechte Seite einzuschlagen und mich eine sehr steile Abkürzung hinaufzuführen. Ich musste mir den Weg nicht zweimal ansehen, bevor mir mein Bauchgefühl sagte: „Auf keinen Fall werde ich mich mit meinem Rollstuhl an diese gefühlten 100 Prozent Steigung wagen!“ Vermutlich wäre der Rollstuhl schon mit der Steigerung klargekommen, doch mir war einfach nicht wohl bei der Sache. Somit schlugen wir den linken Weg ein, der zuerst ein wenig Steigung aufwies, danach aber in der Ebene verlief. Der Weg, dem wir jetzt folgten, wurde bald etwas breiter und führte in eine ruhige, kaum befahrene Gasse, die mir auf einmal sehr bekannt vorkam. Jetzt wurde mir aber auch klar, dass dies im Vergleich zur steilen Abkürzung ein ziemlicher Umweg war, sodass wir uns die Unterführung sparen und von vornherein für eine entspanntere Route hätten entscheiden können.
Wir kamen an dem Gebäude vorbei, in dem mein Bruder und ich in der Kindheit wöchentlich Physiotherapie hatten. Es ist ein eigenartiges Gebäude. Einerseits, weil es eine altmodische, triste Betonfassade hat und an der Vorderseite hunderte Ecken und Kanten aufweist, wodurch es so aussieht, als hätte man wahllos verschiedengroße Betonblöcke kombiniert. Andererseits wurde es an einem Hang gebaut. Dadurch entspricht das, was von unserer Seite aus gesehen der dritte Stock war, dem Erdgeschoss an der gegenüberliegenden Seite. Mein Vater witterte schon wieder eine Abkürzung: Wenn wir vorne mit dem Lift in den dritten Stock fahren und dann das Gebäude komplett durchqueren würden, kämen wir hinten ebenerdig hinaus. Der Höhenunterschied wäre überwunden und wir hätten nicht mehr so weit bis zum Krankenhaus. Die Theorie hörte sich großartig an, doch ich war skeptisch. Zwar konnten wir ungehindert ins Stiegenhaus und zum Lift gelangen, da dieser Bereich öffentlich zugänglich ist, aber ich war mir sicher, dass man einen Schlüssel benötigen würde, um die Gänge durchqueren zu können. Allerdings ließ sich mein Vater nicht ohne Weiteres von seiner Idee abbringen, also folgte ich ihm zum Lift. Im dritten Stockwerk angekommen, musste ich den Lift rückwärts verlassen. Eigentlich kein Problem für mich. Eigentlich…
Doch wenn man am Rollstuhl einen Tisch hat, der nicht ganz mittig liegt und links mehrere Zentimeter hinausragt, ist es gar nicht so einfach, rückwärts durch eine ohnehin sehr schmale Lifttür zu manövrieren. Während dem Rückwärtsfahren bemerkte ich, wie plötzlich der Tisch von mir wegfuhr, und damit auch der Joystick, an dem ich meine Finger hatte. Langsam kam ich mir wirklich vor wie im falschen Film! Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, wie mir geschah. Rasch realisierte ich aber, was vor sich ging, und hielt an. Der links überstehende Teil des Tisches war am Rahmen der Lifttür hängengeblieben, da ich zu knapp an den Rand gekommen war und die überstehenden Zentimeter des Tisches nicht miteinberechnet hatte.
Um einen Ausweg aus meiner Lage zu finden und sie nicht noch weiter zu verschlimmern, musste ich erstmal wieder ein Stück nach vorne fahren und meinen Kurs minimal anpassen. Den Joystick, der, genau wie der Tisch, jetzt 15 bis 20 Zentimeter weiter weg war, konnte ich gerade noch erreichen. Diesmal gelang es mir, den Lift ohne Zwischenfall zu verlassen. Mein Vater versuchte nun, die Tür zum Inneren des Gebäudes zu öffnen. Und, oh Wunder, sie war verschlossen!
Die Situation mit dem wegfahrenden Tisch hätte mir also erspart bleiben können. Da mein Vater felsenfest davon überzeugt gewesen war, wir könnten eine Abkürzung durch das Gebäude nehmen, hatten wir nur unnötig ein paar Minuten verschwendet. Irgendwann erreichten wir doch noch das Krankenhaus und mein Herzultraschall ergab nichts Negatives. Auf dem Rückweg gingen wir keine Experimente ein. Wir mussten ohnehin Richtung See, denn wir trafen uns mit dem Rest der Familie sowie meiner Tante und meinem Onkel beim Chen’s, welches zu meinen absoluten Lieblingsrestaurants gehört. Nach diesem Abenteuer hatte ich mir mein Sushi absolut verdient!
Dieses Frühstück eskalierte schnell!
Zwei Monate später passierte mir ein Missgeschick, an dem weder ein Defekt noch Pflastersteine schuld waren. Es wuchs allein auf meinem Mist und ich muss froh sein, dass es zu keinen menschlichen oder materiellen Schäden kam. Es passierte zu Hause bei einer scheinbar banalen Tätigkeit: Neben unserem Esstisch habe ich einen kleinen, etwas höheren Tisch aus Holz, auf dem mein Computer steht. Dort verbringe ich die meiste Zeit des Tages. Damals nahm ich an diesem Tisch auch meine Mahlzeiten zu mir, denn es war mir noch möglich, das Besteck selbstständig an meinen Mund zu führen. Aber eben nur, wenn ich an genau diesem Tisch saß. Dank seiner Höhe passte ich mit dem Rollstuhl nämlich gut darunter und wenn meine Hand auf dem Tisch lag, befand sich weit genug oben, dass es nur noch ein kurzer Weg bis zum Mund war.

An jenem schicksalhaften Freitagmorgen saß ich gerade beim Frühstück. Die rechte Hand, in der ich meine Gabel hielt, lag auf dem Tisch, die linke blieb unter dem Tisch und ich ließ sie auf dem Joystick. Als ich am Joystick die Neigung des Rollstuhlsitzes etwas verstellen wollte, war ich wohl für einen kurzen Moment unachtsam – vielleicht auch dadurch bedingt, dass ich während des Frühstücks nebenher noch ein Video auf meinem Computer anschaute.
Um die nachfolgende Schilderung nachvollziehen zu können, ist es wichtig, dass ihr zuerst versteht, wie die Neigung meines Rollstuhls funktioniert: Wenn sich der ganze Sitz nach hinten neigt, geht der Tisch aus Plexiglas bei der Bewegung mit und gerät ebenfalls in Schräglage. Zum besseren Verständnis ist hier ein kurzes Video, das den Vorgang der Rollstuhlneigung in Zeitraffer zeigt:
Ich betätigte die Neigung nach hinten vielleicht eine halbe Sekunde zu lang. Plötzlich spürte ich an meinem Handrücken die Unterseite des Holztisches. Was das bedeutete: Die Hand war zwischen Joystick und Tisch eingeklemmt. Solange ich den Joystick in meine Richtung halte, neigt sich der Sitz nach hinten. Jetzt war der Joystick in dieser Position „gefangen“! Es gab im Moment keine Möglichkeit für mich, ihn zu verstellen. Der Sitz neigte sich weiterhin nach hinten. Ich konnte es nicht verhindern, nichts dagegen tun!
Das große Problem daran war, dass der Rollstuhl nun begann, den Holztisch von unten her in die Höhe zu heben. Die Tischbeine verloren den Bodenkontakt, sodass der gesamte Holztisch auf der Kante vom Plexiglastisch meines Rollstuhls lastete und zu einem Teil auch auf dem Joystick. Ich hatte Glück, dass der Tisch weder auf mich noch in die andere Richtung kippte, sondern im Lot blieb. Sogar mein Wasserglas blieb stehen.
Während sich das Schauspiel ereignete, kam unsere Assistentin zufällig gerade aus dem anderen Zimmer, in dem sich mein Bruder befand, zurück zu mir. Was sie sich wohl gedacht haben muss, als sie sah, dass sich der Tisch gerade ein erbarmungsloses Duell mit meinem Rollstuhl lieferte? Oft habe ich in meinem Blog über seltsame Verhaltensweisen von verschiedenen Assistenzpersonen geschrieben, doch in diesem Moment war wohl offensichtlich ich derjenige, über den man sich fragen musste: „Was macht er denn jetzt schon wieder?“
Seltsamerweise hatte ich gar nicht auf mich aufmerksam gemacht. Entweder war ich so perplex darüber, was gerade vor sich ging, dass es mir die Sprache verschlagen hatte, oder ich glaubte, dass nach den paar Sekunden, die sie bis zu mir gebraucht hätte, die Situation sowieso schon ihren Lauf genommen hätte und nicht mehr zu verhindern gewesen wäre. Dem Zufall sei Dank, war sie schon auf dem Weg zu mir, sodass ich ohnehin nicht nach ihr rufen musste. Da der Rollstuhl mittlerweile so weit geneigt war, lastete der Holztisch nicht mehr auf meiner Hand und dem Joystick, sondern allein die Kante des Rollstuhltisches hielt den Holztisch in der Luft. Somit stoppte auch endlich die Neigung. Der über dem Boden schwebende Tisch hielt sich weiterhin erstaunlich gut im Gleichgewicht.
Soweit war mir nichts passiert, doch jetzt ging es erstmal darum, den Tisch wieder souverän auf den Boden zu bringen, ohne dass etwas vom Tisch herunterfallen würde. Die Assistentin stabilisierte mit ihren Händen den Tisch, sodass ich den Joystick nach vorne bewegen und mich wieder mehr in eine sitzende Position begeben konnte. Damit der Tisch während dieses Vorgangs nicht wieder am Joystick anstieß, musste sie ihn kurzzeitig etwas neigen, was mich nervös machte, da mein Computer darauf lag und ich Angst hatte, er könnte herunterfallen. Meine Sorge bestätigte sich nicht. Ich saß wieder aufrechter im Rollstuhl und alle Tischbeine standen wieder sicher auf dem Boden. Man kann also sagen, dass der Kampf zwischen Rollstuhl und Tisch in einem gerechten unentschieden endete.
Ab diesem Tag verstellte ich während dem Essen nie mehr unbedacht die Neigung. Ich bin seitdem noch ein Stück vorsichtiger geworden, wenn es um Situation geht, in denen auch nur die geringste Chance besteht, dass der Joystick in einer ungewollten Position hängenbleiben könnte.
Auf irgendeine Weise bin in froh um solche Ereignisse, wie sie in diesem Text vorkommen, denn sie machen selbst mondäne Alltagsmomente etwas facettenreicher. Manche Leute besteigen Achttausender oder tauchen durch enge Unterwasserhöhlen, weil diese Grenzerfahrungen sie so sehr reizen. Genauso finde auch ich es spannend, kleine Abenteuer zu erleben, selbst wenn sie verglichen mit dem, was Extremsportler so treiben, ziemlich unspektakulär klingen. Würde ich meine Abenteuer nicht erleben, hätte ich deutlich weniger Ideen für Texte auf meinem Blog!






Super Paul!