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Kein Bock mehr auf Betreuung!

Autorenbild: Paul Wechselberger
Paul Wechselberger
9. Aug.
6 Min. Lesezeit

Heute erzähle ich euch wieder mal eine Geschichte aus meiner Volksschulzeit. Es geht um den Tag, an dem ich keine Lust mehr auf die Schülerbetreuung hatte. Wer meinen Text von vor einem halben Jahr gelesen hat, dürfte bereits wissen, dass die Mittags- und Nachmittagsbetreuung nicht gerade mein Lieblingsort war, was mehrere Gründe hatte: Das Essen schmeckte mir nicht, im Gebäude musste ich Stiegen steigen und der Weg durch den Schulhof bereitete mit teilweise ebenfalls Sorgen. Außerdem war ich mit einem großen Teil der Kinder, die es dort oft anzutreffen gab, nicht wirklich auf einer Wellenlänge. Als Drittklässler saß ich beim Essen einmal zwischen zwei Erstklässlern, die untereinander ein Streitgespräch führten. Ich weiß nicht mehr, worum es ging, aber einen Satz habe ich noch in Erinnerung: „Des war in MEINER Suule, du Dummkopf!“ Eigentlich hatte er „Schule“ gemeint. Wieder ein anderes Kind fragte einst: „Was sind Dampfnudeln? Können die furzen?“

 

Die Kombination aus all den eben genannten Gründen trug dazu bei, dass ich eines Tages die Idee bekam, die Nachmittagsbetreuung zu „schwänzen“. Zu der Zeit war ich normalerweise zweimal in der Woche in der Betreuung. Donnerstags war ich nur über Mittag dort, da ich am Nachmittag wieder Unterricht hatte. Dienstagnachmittags musste ich nach dem Essen normalerweise noch zwei Stunden in der Betreuung bleiben, worauf ich eines Tages – es war einen oder zwei Monate vor dem Ende meines letzten Volksschuljahres - überhaupt keine Lust mehr hatte. Bereits am Vormittag setzte ich mir eisern in den Kopf: Heute gehe ich nicht in die Betreuung!

 

Der Vormittagsunterricht war zu Ende und ich ging, wie die anderen Schüler meiner Klasse, zur Garderobe. Ich hatte vor, erstmal an meinem Garderobenplatz sitzenzubleiben. Als sich der Bereich langsam leerte, kam eine Betreuerin, die eine Liste in der Hand hielt. Sie war hier, um die übrigen Schüler ausfindig zu machen, die noch nicht in der Betreuung angekommen waren und um mich hinüberzubegleiten. Statt wie gewöhnlich mit ihr mitzukommen, behauptete ich dreist, ich sei heute nicht angemeldet, obwohl mein Name auf ihrer Liste stand und ich dienstags immer in der Betreuung war. Zu meiner Überraschung widersprach sie mir überhaupt nicht. Offensichtlich nahm sie mir die Lüge ab. Wahrscheinlich vermutete sie, dass ich ausnahmsweise gleich abgeholt werden würde und meine Mutter schlicht vergessen hatte, mich abzumelden. Die Betreuerin schätze mich intelligent und seriös genug ein, um zu wissen, was ich tat. Immerhin hatte sie ja, seit sie hier arbeitete, bemerkt, dass ich, anders als manch andere, nicht von „meiner Suule“ redete oder fragte, ob bestimmte Gerichte furzen können. Und warum sollte ich lügen, wenn ich mich doch sonst stets brav verhielt und nie die Betreuung schwänzte? Naja, an jedem anderen Tag wäre ihre Einschätzung korrekt gewesen, aber an diesem Tag lebte ich nach meinen eigenen Regeln und machte mir die Welt, wie sie mir gefiel.

 

Nachdem mich die Betreuerin zurückgelassen hatte, befand sich fast niemand mehr im näheren Umkreis. Der heikelste Moment der gesamten Operation „Betreuung schwänzen“ schien überstanden. Die Luft war rein, sodass ich mich traute, wieder in die Nähe der Klasse zu gehen, um dort ein gemütliches Plätzchen zu finden, wo ich es die nächsten etwa drei Stunden aushalten würde. Für mich war es ein aufregendes Abenteuer. Ich wollte einfach mal erleben, wie es ist, die Regeln zu brechen und versuchen, dabei nicht erwischt zu werden. Gewiss brach ich zu Hause auch mal Regeln, indem ich zum Beispiel unerlaubt heimlich Computer spielte, aber in der Schule ließ ich mir kaum etwas zuschulden kommen. Jetzt wollte ich sehen, was passieren würde und wie lange ich es schaffen würde, unentdeckt zu bleiben. Ich machte mir keine Sorgen oder Gedanken darüber, wie man in meinem Umfeld später darauf reagieren würde und welch unnötigen Stress ich mit meinem Verhalten bei mehreren Personen verursachen würde.

 

Die Tür zu meiner Klasse war zwar abgeschlossen, aber gegenüber gab es eine offene Räumlichkeit. Ich versteckte mich im hinteren Bereich, in einer durch ein großes Regal abgeschirmten Nische. Dort wartete ich ab, bis wirklich keine Menschen mehr zu hören waren. In der Nische stand ein Tisch, auf dem sich, warum auf immer, ein Laib Brot auf einem Schneidbrett befand. Daneben lag ein Messer und nicht weit entfernt entdeckte ich ein angebrochenes Honigglas. Gut zu wissen, dass es immerhin irgendetwas Essbares gab, falls mich irgendwann der Hunger plagen sollte.

 

Nach einiger Zeit wagte ich mich aus meinem Versteck hinaus und setzte mich in die Leseecke. Zwar las ich nicht so gerne, aber ich fand ein interessantes Buch mit beeindruckenden optischen Täuschungen. Ich genoss das Alleinsein und die Freiheit und fühlte mich viel wohler als es in der Schülerbetreuung der Fall gewesen wäre.

 

Wieder zurück in meinem Versteck, meldete sich irgendwann doch der Hunger. Ich nahm das Messer in die Hand, schnitt eine Scheibe Brot ab und bestrich sie mit Honig. Es diente als mein Mittagessen. Diese Mahlzeit schmeckte mir besser als das Schulessen, von dem ich meist so gut wie nichts aß. Oft bekam ich von den Betreuerinnen immerhin ein Butterbrot, um nicht komplett ohne Mahlzeit zu sein. Das war geschmacklich jedoch Welten von meinem Honigbrot entfernt. Wahrscheinlich schmeckte das Honigbrot vor allem deswegen so gut, weil ich etwas Verbotenes tat! Ich kam mir vor wie ein Verbrecher, aber ein genialer Verbrecher!

 

Nachdem es eineinhalb Stunden lang komplett menschenleer in meinem Umkreis gewesen war, kehrte wieder ein wenig Leben im Gebäude ein. Im Raum am Ende des Ganges, in dem sich auch meine Klasse befand, quartierte sich ein Lehrer mit einer Gruppe von Schülern ein. Weiterhin schaffte ich es, versteckt zu bleiben. Niemand sah oder entdeckte mich, nie kam ich in die unangenehme Situation, mich erklären zu müssen. Und so überstand ich die gesamte Zeit, die ich eigentlich in der Betreuung hätte verbringen sollen.

 

Um zwanzigvorvier füllte sich die Garderobe wieder etwas, da sich nun auch die Kinder, die am Nachmittag in der Schule gewesen waren, bereit für den Nachhausweg machten. Das Treiben kam mir zugute, denn nun konnte ich mich langsam und unauffällig zum Eingangsbereich bewegen, wo ich darauf wartete, abgeholt zu werden. Allerdings musste ich mich noch kurz gedulden.

 

Normalerweise holte mich der ältere Herr, der damals Fahrdienste für uns machte, dienstags bereits um kurz vor halb vier bei der Betreuung ab. Auch diesmal kam er um diese Zeit zur Betreuung, wo ihm zu seinem Erstaunen mitgeteilt wurde, ich sei heute nicht hier und sei bereits abgeholt worden. Er rief bei meiner Mutter an, um zu fragen, ob ich schon zu Hause sei. Diese erschrak, denn sie erwartete, dass ich in der Betreuung wäre. Nun wussten beide nicht, wo ich mich aufhielt. Das Positive für sie war, dass ich nicht weit weg sein konnte, denn weit laufen konnte ich ja nicht mehr. Zuletzt gesehen worden war ich bei der Garderobe im Schulgebäude. Und da ich normalerweise auch nicht einfach so allein ins Freie hinauslief, musste ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch im selben Gebäude befinden.

 

Da mein Bruder aber bereits kurz danach auch abgeholt werden musste, entschied sich der Mann dazu, zuerst zur Schule meines Bruders zu fahren. Das machte auch Sinn, denn sonst hätte mein Bruder warten müssen wegen einer Sache, für die er überhaupt nichts konnte. Direkt im Anschluss fuhr der Herr zurück zu meiner Schule, ging ins Schulgebäude und fand mich in der Eingangshalle in der Nähe der Garderobe, wo ich seelenruhig auf ihn wartete. Dass es etwas länger gedauert hatte, ließ mich nicht nervös werden, denn mir war klar, dass er früher oder später in diesem Gebäude nach mir suchen würde. Wäre ich normal in die Betreuung gegangen, wäre ich etwas früher daheim gewesen, aber das war es mir Wert!

 

Als ich zu Hause auf meine Mutter traf, war sie gar nicht besonders verärgert. Sie wusste vielleicht, dass ich es nicht nur getan hatte, um Schwierigkeiten zu machen, sondern, weil es Dinge an der Schülerbetreuung gab, die mich belasteten. Worüber sie sich am ehesten ärgerte, war, dass die Betreuerin einfach gesagt hatte, ich sei nicht angemeldet, obwohl das überhaupt nicht stimmte. Ich weiß nicht mehr, ob ich später zugab, dass ich die Betreuerin angelogen hatte.

 

Da es nicht mehr allzu lange bis zum Ende des Schuljahres war, fand meine Mutter mit mir den Kompromiss, dass ich zumindest am Donnerstag, wenn Nachmittagsunterricht war, über Mittag weiterhin in die Betreuung ging. Die paar Dienstagnachmittage musste ich nicht mehr dort verbringen, sondern wurde nach Unterrichtsende abgeholt. Somit hatte sich meine Aktion für mich ausgezahlt. Ich hätte vielleicht aber auch einfach über das reden können, was mich bedrückte, statt mehrere Leute in Aufruhr zu versetzen, weil sie nicht wussten, wo ich war.

 

Ich hatte Glück, dass mir während des Alleinseins nichts passierte, denn ich war damals nicht mehr so sicher auf den Füßen. Dass mir das Gehen bereits spürbar Schwierigkeiten bereitete, war aber auch ein Mitgrund, warum ich mich nicht so wohl dabei fühlte, in die Betreuung zu gehen, denn dazu musste ich den Schulhof durchqueren. Zu der Zeit passierte es immer wieder mal, dass ich beim Gehen hinfiel. Wahrscheinlich war die Sturzgefahr drinnen, wo ich in den drei Stunden wenig lief und größtenteils an ein und derselben Stelle blieb, deutlich geringer als beim Laufen im Freien. Wenige Monate zuvor war ich sogar einmal auf einer Treppe im Schulgebäude gestolpert, als ich ebenfalls ganz allein war. Glücklicherweise kam ich dort selbstständig und unverletzt aus der Situation heraus. (Hier geht es zum Text darüber.) Weniger Glück hatte ich in den Sommerferien danach, die für mich die Übergangszeit zwischen Volksschule und Gymnasium darstellten: Ziemlich zu Beginn unseres Sommerurlaubs stürzte ich draußen auf dem Gehweg so ungünstig, dass ich mir das Bein brauch. (Auch dazu habe ich bereits etwas geschrieben.)

2 Kommentare

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Doris
11. Aug.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Du Schummler du !! Aber nachvollziehbar und spannend zu lesen! 😁

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Gast
09. Aug.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

👍😜

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