Die Treppe verzeiht nichts!
- Paul Wechselberger
- vor 1 Tag
- 10 Min. Lesezeit
Heute habe ich wieder mal eine Abenteuergeschichte für euch, bei der ich in der Hauptrolle stecke. Sie datiert aus meinem letzten Jahr in der Volksschule und ereignete sich im Gebäude der Schülerbetreuung, genauer gesagt auf der Kellertreppe. Zuerst möchte ich aber noch beschreiben, wie ich es generell in der Betreuung fand und welche Schattenseiten es gab. Wer lieber gleich von meinem Abenteuer hören möchte, kann gerne hier klicken. Um den Kontext besser zu verstehen, empfehle ich euch, den ganzen Text zu lesen, aber das bleibt natürlich euch überlassen!
In den ersten zwei Volksschuljahren besuchte ich die Schülerbetreuung nur am Donnerstagmittag, da am Nachmittag Unterricht war. Ich war dort immer gemeinsam mit meinem Bruder, was sich änderte, als ich in die dritte Klasse und er ins Gymnasium kam. Damit, dass ich donnerstags nun ohne ihn zurechtkommen musste, war es aber noch nicht getan. Das allein war keine große Sache. Allerdings musste ich nun zwei- oder dreimal pro Woche in die Betreuung gehen und dienstags auch nach dem Essen zwei Stunden am Nachmittag dortbleiben. Der Grund war, dass mein Bruder im Gymnasium mehrmals wöchentlich Nachmittagsunterricht hatte, wodurch es praktisch war, wenn ich in der Betreuung war, denn so konnte unsere Mutter Dinge erledigen oder hatte vielleicht etwas Zeit für sich.
Ich aß jetzt mehrmals wöchentlich in der Betreuung, wobei von „Essen“ bei mir kaum die Rede sein konnte, denn zu der Zeit hatte es bereits angefangen, dass ich das Schulessen in der Mittagsbetreuung mehr oder weniger verweigerte. Solange ich noch gemeinsam mit meinem Bruder in der Betreuung gewesen war, aß ich auch normal. Es schmeckte mir vielleicht nicht besonders gut, aber ich konnte es essen. Danach war das anders: Ich brachte das Zeug einfach nicht mehr herunter. Nach einer Zeit akzeptierten die Betreuerinnen meine Abneigung und schöpften mir gar nicht erst. Dafür bekam ich ein paar Apfelschnitze und ein Butterbrot, damit ich wenigstens irgendetwas zu mir nahm und nicht hungern musste. Ein Kind dachte schon, ich sei magersüchtig. Nicht abwegig, dass jemand das glaubte, wenn er sah, wie ich, der aufgrund verringerter Muskelmasse sehr mager wirkte, das Essen verweigerte!
Das Essen war nicht der einzige Grund, warum die Betreuung nie mein Lieblingsort wurde. Da sich die Betreuung in einem anderen Gebäude befand, musste ich den Schulhof durchqueren, um dort hinzukommen und – wenn nachmittags Unterricht war - zurück zur Schule zu gelangen. (Kurzer Disclaimer für die, die es noch nicht wissen: In der Volksschule konnte ich noch laufen, wobei es mir Jahr für Jahr schwerer fiel.) Der Weg durch den Hof ging für mich oft mit der Angst einher, dass ich von tobenden Kindern umgerannt werden könnte. Vor allem am Donnerstag nach dem Essen war diese Angst präsent, denn da an diesem Tag viele Klassen Nachmittagsunterricht hatten, wimmelte es draußen von Kindern.
Immerhin vom Schulgebäude zur Betreuung begleitete mich oft eine Betreuerin oder sie beauftragte zumindest zwei vertrauenswürdige Schüler, die mit mir hinübergingen und aufpassten, dass niemand in mich hineinrannte. Manchmal war ich aber auch auf mich allein gestellt, vor allem im letzten Volksschuljahr, da das Betreuungspersonal stark nachgelassen hatte. Gute, geeignete Leute gingen weg und die, die nachkamen, schienen teilweise den falschen Job gewählt zu haben. Darüber, wie ich sicher von einem Gebäude zum anderen kam, machten sie sich selten Gedanken. Blöd für mich war das besonders dann, wenn draußen Schnee und Eis lag, was den Weg für mich noch um einiges unangenehmer und auch potenziell gefährlicher machte.
Es existierte allerdings eine Möglichkeit, um dem Schulhof zu entgehen: Ein „unterirdischer“ Verbindungsgang zwischen beiden Gebäuden, den ich gerade im Winter öfters nutzte. Auch hier verhielt es sich so, dass in den Jahren davor fast immer jemand mitging, ob eine Betreuerin oder andere Schüler. Mehrere Jahre lang gab es eine besonders nette Betreuerin, die teilweise extra für mich ins Schulgebäude kam, um mich hinüber zur Betreuung zu begleiten. Ich mochte sie gerne und redete für meine Verhältnisse sehr viel mit ihr. Leider hörte sie irgendwann auf, in der Schülerbetreuung zu arbeiten.
Und weil sich die Betreuer, die in meinem letzten Jahr hier waren, meist nicht zuständig fühlten, durchquerte ich den Gang immer wieder auf eigene Faust. Zum Beispiel, als es einmal im Winter 2012/13 stark schneite und im Hof so viel Schnee lag, dass ich draußen die Rampe nicht betreten wollte und beim Gehen generell kein gutes Gefühl gehabt hätte. Da ich am Nachmittag wieder Schule hatte, musste ich den Weg zweimal zurücklegen, einmal hin und einmal her. Bei einer Betreuerin, die gerade im Eingangsbereich der Schule stand, fragte ich vorsichtig nach, wie ich hinüber zum Betreuungssgebäude kommen sollte, in der Hoffnung, sie würde von sich aus anbieten, dass mich jemand durch den unterirdischen Gang begleitet. Aber alles, was sie zu sagen hatte, war: „Ja, ja, wir gehen dann alle gemeinsam durch den Hof…“
Perfekt: Bei Schnee und rutschigem - weil eisigem – Boden soll ich mich ins Gedränge stürzen, das unweigerlich entsteht, wenn sich dreißig Kinder auf einem Haufen befinden! Natürlich hätte ich auch von mir aus ansprechen können, dass ich lieber den anderen Weg nehmen würde, doch das traute ich mich nicht so recht, denn ich war in der Schule generell zurückhaltend und redete meist eher wenig. Darüber hinaus war ich bei diesen Betreuern nicht sicher, ob sie mir das gewähren würden. Normalerweise war der Verbindungsgang wahrscheinlich nicht dazu gedacht, dass Schüler ihn ständig benutzten. Klar, bei mir war es eine andere Situation, aber wer weiß, ob diesen Betreuern das überhaupt bewusst war. Sie wussten zwar, dass ich mich körperlich schwerer tat. Aber wären sie in ihren Köpfen auch flexibel genug gewesen, um mir diese alternative Route zu erlauben? Ich wollte es nicht herausfordern.
Diese Herangehensweise des Schweigens war gewiss die falsche, um das Problem zu lösen. Hätte ich meine Sorgen offen angesprochen, auch bei Lehrern und zu Hause, und ehrlich rückgemeldet, dass es mit der Unterstützung nicht immer klappte, hätte etwas dagegen unternommen und eine Lösung gefunden werden können. Es kam in meiner gesamten Schulzeit immer wieder vor, dass ich manche Probleme oder Sorgen lange für mich behielt. Häufig war mir dann gar nicht bewusst, dass es eine Lösung gab, denn das, was sich später letztendlich als Lösung herausstellte, war oft so anders als das Bisherige, dass sie mir zuvor gar nicht bewusst gewesen war. Oft wartete ich, bis andere Personen mir eine Lösung unterbreiteten.
Nun aber zurück zur eigentlichen Geschichte:
Gefangen im Keller?
Ich beschloss also, allein durch den unterirdischen Gang zu laufen, ohne irgendjemandem etwas zu sagen. Der Hinweg lief noch planmäßig. Zuerst stieg ich im Schulgebäude eine große Stiege hinunter, dann durchquerte ich den langen Gang bis zur Turnhalle. Ein paar Meter ging es durch die Turnhalle, dort wartete eine Tür. War man durch die Tür gegangen, begann direkt die erste Stiege, die man erklimmen musste. Danach befand man sich im Keller des Betreuungsgebäudes und musste noch ein Stockwerk überwinden, also zwei Stiegen. Zwischen diesen Stiegen, im „Halbstock“ zwischen Keller und Erdgeschoss, befand sich noch eine Tür. Es wundert mich etwas, dass diese Türen, soweit ich mich erinnere, nie zugesperrt waren.
Um zur Betreuung zu gelangen, hatte ich – übertrieben ausgedrückt - stets die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder ging ich durch den Hof, wo ich umgerannt werden konnte und die Stolpergefahr höher war, oder ich wählte den unterirdischen Gang, wo ich zuerst eine große Stiege hinab-, dann drei Stiegen hinaufsteigen musste. Treppen konnte ich zwar steigen, aber eine Treppenstufe war für mich vielleicht so anstrengend, wie zehn Höhenmeter für jemand anderen. Hatte ich die drei Stiegen erklommen, fühlte ich mich also so, als wäre ich gerade den Pfänder hinaufgerannt! Besonders im Winter sah ich darin dennoch das kleinere Übel, denn ich konnte mir sicher sein, dass auf dem Weg niemand mit mir kollidieren würde.
Fast immer schaffte ich es ohne Zwischenfall von einem Gebäude ins andere, egal, für welchen Weg ich mich entschied. Der Grund, dass ich nur „fast“ schreiben kann, hat mit dem Rückweg an jenem Tag zu tun: Das Mittagessen in der Betreuung war beendet und da ich um zwei Uhr nachmittags wieder Unterricht hatte, wollte ich mich durch den unterirdischen Verbindungsgang zurück zur Schule aufmachen, um dort die halbe Stunde bis Unterrichtsbeginn entspannt drinnen zu warten, während die anderen Schüler immer erst wenige Minuten vor Unterricht hineingelassen wurden.
Ich ging die erste Treppe hinunter, dann öffnete ich die Tür und verschwand in den Bereich, wo außer mir niemand mehr war. Nun war ich dabei, die nächste Stiege abwärtszulaufen. Da sich der Keller nicht zur Gänze unter der Erde befand, gab es hier noch ein Fenster und die Treppe war vom Tageslicht erhellt. Nach etwas mehr als der Hälfte versagte mir unglücklicherweise für den Bruchteil einer Sekunde die Kraft in den Beinen und ich geriet ins Straucheln. Ich kam in einer knienden Position auf der Treppenstufe auf. Mein Glück war, dass mein Oberkörper aufrecht geblieben war. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was alles viel schlimmeres hätte passieren können, wäre mein Oberkörper nach hinten, nach vorne oder zur Seite gekippt. Ein Sturz in der Ebene war für mich auch nicht immer ein Klacks, auf einer Treppe hätte er erst recht böse enden können!
Meine Beine schmerzten nicht und steckten auch nicht fest. Ich schaffte es, mich so zur Seite umzudrehen, dass ich auf allen Vieren auf der Treppe kriechen konnte. Mein Blick war die Treppe nach oben gerichtet. Ich wollte versuchen, aufzustehen, doch auf der Treppe war das sehr schwierig. Ich hätte geglaubt, dass die Stufen beim Abstützen nützlich wären, doch irgendwie waren die einzelnen Stufen nicht hoch genug dafür, und wenn ich die Höhe von zwei Treppenstufen nutzen wollte, half mir das auch nicht weiter, denn dafür musste ich mich weiter nach vorne beugen, sodass ich nicht genügend Kraft hatte, um mich aufzurichten. Die recht schweren Winterschuhe machten das die Sache nicht einfacher. Nach zehn bis 15 Minuten des erfolglosen Probierens wurde mir allmählich klar, dass ich es auf der Treppe nicht schaffen würde, aufzustehen. Wie lang es genau dauerte, kann ich nur erahnen, denn ich hatte keine Uhr bei mir.
Ich hatte, wie schon erwähnt, niemandem gesagt, was ich machte, also wusste auch niemand, dass ich dort war. Sollte ich es nicht von allein schaffen, wieder auf die Beine zu kommen, würde es wohl eine ziemliche Weile dauern, bis mich jemand finden und „retten“ würde. So lange wäre ich im Keller gefangen!
Doch ich hatte einen Hoffnungsschimmer: Die Stiege endete unten in einem Gang, in dem es mehrere Türen gab. Da ich diesen Weg seit Jahren regelmäßig durchquerte, wusste ich, dass es auf dieser Ebene einen Umkleideraum gab, dessen Tür so gut wie immer offenstand. Von draußen hatte ich auch schon oft gesehen, dass es darin Bänke gab. Auf allen Vieren kroch ich die letzten paar Stufen hinunter und krabbelte anschließend in Richtung dieser Umkleide, die auch jetzt wie erwartet offenstand. Das war meine Rettung! Ich wusste, dass ich mich an den Bänken viel besser aufstützen können würde, wodurch eine hohe Chance bestand, es doch noch aus eigener Kraft auf die Beine zu schaffen und doch nicht im Keller gefangen zu bleiben! Meine Idee ging perfekt auf und ich stand rasch auf zwei Beinen.
Geschafft! Es war ein großartiges Gefühl! Kennt ihr solche Geschichten von Menschen, die während waghalsigen Expeditionen oder Unternehmungen in Situationen schlittern, von denen man denkt, dass niemand sie überleben kann, aber die Leute kommen trotzdem lebend davon? Ähnlich heldenhaft wie diese Menschen fühlte ich mich in diesem Moment! Nein, ganz so heroisch kam ich mir auch wieder nicht vor. Ich weiß gar nicht mehr, was ich dachte. Wahrscheinlich war ich in erster Linie froh und erleichtert.
Komplett in Sicherheit wähnen durfte ich mich allerdings noch nicht, denn es wartete noch eine weitere Treppe, die ich hinuntergehen musste. Ich denke, dass ich diese letzte Stiege extra vorsichtig ging, um bloß nicht erneut zu stürzen. Den Rest des Weges legte ich ohne weiteren Zwischenfall zurück. Ich kam rechtzeitig im Schulgebäude an und tat so, als ob nichts gewesen wäre. Kein Mensch wusste, was für ein Abenteuer ich gerade erlebt hatte.
Von diesem Tag an veränderte ich generell meine Art, Treppen hinunterzugehen: Statt vorwärtszulaufen, mit nur einer Hand am Treppengeländer, hatte ich von dort an stets beide Hände fest am Geländer und bewegte mich sehr langsam und vorsichtig rückwärts nach unten. Diese neue Art war nur noch für ein halbes Jahr relevant, danach brauche ich sie nie mehr. Warum? Im August 2013 brach ich mir den Oberschenkel und konnte ab dann gar nicht mehr laufen. Die ersten Wochen nach dem Beinbruch waren nicht einfach für mich, doch dann arrangierte ich mich mit der neuen Situation und erkannte darin auch so etwas wie Vorteile: Ich musste mich nicht mehr beim Treppensteigen verausgaben oder fürchten, beim Gehen hinzufallen. Eine Angst, die ich über Jahre oft mit mir herumgeschleppt hatte, war nun aus meinem Leben verschwunden!
Nie erzählte ich irgendjemandem etwas von dem Stolperer auf der Treppe. Das änderte sich erst vor zwei Monaten, also 13 Jahre danach, als ich einen Text über andere Stolperer und Faller aus meiner Kindheit veröffentlichte. Meine Mutter unterhielt sich nach dem Lesen mit mir darüber, wobei mir noch weitere Situationen einfielen, in denen ich als Kind stürzte. Warum ich so lange nichts davon erzählte, ist einfach zu beantworten: Im letzten Jahr, in dem ich noch laufen konnte, wollte ich alles Negative im Bezug auf meine Krankheit verdrängen und von mir wegschieben. Wenn etwas passierte, das mir klar zeigte, dass sich mein körperlicher Zustand verschlechterte, sprach ich nicht darüber.
Als diese Phase vorbei war, hatte ich auch kein Bedürfnis, von dem Ereignis zu erzählen, denn es hatte keine Relevanz mehr und lag bereits weit zurück. Außerdem ist es recht unangenehm, über eine Situation nachzudenken, die ganz anders - sprich schlimmer - hätte ausgehen können. Niemand war in der Nähe. Wäre ich so gestürzt, dass ich nicht mehr selbstständig von der Situation weggekommen wäre, hätte wahrscheinlich niemand mein Rufen gehört. Wer weiß, wie lange ich dann in einer schmerzhaften Position hätte ausharren müssen, bis Hilfe gekommen wäre?! Den Beinbruch ein halbes Jahr später zog ich mir beim Gehen zu. Eine solche Verletzung hätte ich mir theoretisch auch auf der Treppe zuziehen können! Ich will mir gar nicht ausmalen, was dann gewesen wäre.
Es war einer dieser klassischen Momente, die man „Glück im Unglück“ nennt. Auf der Treppe zu stolpern und zwanzig Minuten kämpfen zu müssen, um wieder aufzustehen, klingt im ersten Moment nach einer äußerst unglücklichen Situation. Doch eigentlich hatte ich viel Glück: Der Sturz war mild, bereitete mir keine Schmerzen und ich konnte mich selbstständig in eine vorteilhaftere Position bringen. Dass sich die Bänke, an denen ich mich beim Aufstehen stützen konnte, so sehr in der Nähe befanden, werte ich ebenfalls als großes Glück, da ich nur dadurch einem längeren Festsitzen im Keller entrinnen konnte.
In meinem Leben gab es mehrere Situationen, die auf den ersten Blick ausschließlich negativ scheinen, aber – verglichen mit dem Worst-Case-Szenario – eigentlich noch harmlos verliefen, oder im Nachhinein sogar positive Veränderungen auslösten. Über manches habe ich auf meinem Blog bereits geschrieben.



Ach Paul! So spannend beschrieben, Gott sei Dank ging alles gut aus!!!👍