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Ludmilla im Land der Verschwörungstheorien

Autorenbild: Paul Wechselberger
Paul Wechselberger
vor 6 Stunden
12 Min. Lesezeit

Es wird wieder mal Zeit für einen Text, wie es ihn früher oft auf meinem Blog gab. Dieses Jahr habe ich viel über mich selbst geschrieben, meiner Mama und meinem Bruder jeweils einen Text zu deren Geburtstagen gewidmet und noch einzelne andere Leute positiv erwähnt. Einzig negativ geäußert habe ich mich über verschiedene Bürokraten, die meinem Bruder gleich zweimal einen neuen Rollstuhl verwehren wollten und uns auch sonst hier und da das Leben erschwert haben. Aber jetzt möchte ich endlich wieder mal über ein schräges Erlebnis mit einer Assistenzperson berichten. Zumindest hätte sie theoretisch meine Assistentin werden können, wozu es aber nicht kam. Somit reiht sich auch diese Person ein in die legendäre Runde der Eintagsfliegen und Missverständnisse, die nur ein einziges Mal bei uns aufkreuzten.

 

Im Grunde ließe sich die heutige Geschichte in zwei Sätzen zusammenfassen: Gehe alle Verschwörungstheorien durch, von denen du jemals gehört hast. Nun stelle dir vor, zu dir nach Hause kommt eine Person, die an jede einzelne davon glaubt und fünf Stunden am Stück über nichts anderes redet!

 

Wenn du dir trotzdem die ganze Geschichte antun willst, würde mich das natürlich sehr freuen!

 

Es fing damit an, dass meine Mama zufällig den Kontakt zu einer ehemaligen Krankenschwester bekam, die sich vorstellen konnte, geringfügig bei uns zu arbeiten. Ehemalige Krankenschwester. Das klang nicht schlecht. Gerade ein paar Monate zuvor hatten wir gleich zwei sympathische, pensionierte Krankenschwestern kennengelernt, die seit Anfang dieses Jahres gelegentlich einspringen. Vielleicht würde es ja ein drittes Mal klappen. Am Telefon bekam meine Mama bereits eine klitzekleine Kostprobe für das, was wenige Tage später auf mich zukommen sollte: Ludmilla (Name geändert) berichtete, sich bereits ein paar Jahre zuvor kurz für eine Anstellung bei der persönlichen Assistenz interessiert zu haben. Allerdings war dies während der Corona-Zeit, als es für Angestellte verpflichtend gewesen sei, einmal wöchentlich einen Coronatest zu machen. Damit sei für sie klar gewesen, dass eine Anstellung nicht in Frage käme. Sie ließe sich doch nicht ihre Nase kaputtstechen! Im ersten Moment kam meine Mama gar nicht mit, was sie mit „stechen“ meinte. Tatsächlich bezeichnete Ludmilla das kurze Einführen von Wattestäbchen zur Durchführung des Coronatests als „Kaputtstechen“ der Nasenhöhle.

 

Aber gut, vielleicht hatte sie eben eine besonders zarte, empfindliche Nase, oder eine Wattestäbchen-Allergie. Diese einzelne Aussage über eine fünf Jahre in der Vergangenheit liegende Situation musste ja nicht unbedingt viel bedeuten. Die Pandemie war nun mal für viele eine extreme Ausnahmesituation. Während dieser Zeit kamen nicht wenige Menschen an ihre Grenzen, was mitunter zu obskuren Ansichten führen konnte. Derartige Dinge würden jetzt, wo die Pandemie bereits Jahre zurücklag, aber doch bestimmt schon lange kein Thema mehr sein. Oder? Was meiner Mama bei diesem Telefonat ebenfalls auffiel, war, dass Ludmilla gerne viel redete und ihr christlicher Glaube eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte.

 

In der Woche darauf begleitete sie einen Vormittag lang eine meiner Assistentinnen, um einen Einblick darüber zu bekommen, was es bei mir zu tun gibt. Noch bevor ich aus dem Bett geholt worden war, durfte ich ihre Coronatest-Geschichte erneut hören, diesmal aus erster Hand. Die andere Assistentin hatte sie gefragt, was sie die letzten Jahre so gemacht habe, woraufhin wir erfuhren, dass Ludmilla schon länger nicht mehr als Krankenschwester arbeite. Anschließend erzählte sie eben auch, dass sie sich vor ein paar Jahren nicht bei der Assistenzstelle habe anstellen lassen können, da damals Coronatests verpflichtend waren. Zur Verstärkung ihres Arguments, warum sie diese Tests bei sich niemals durchführen ließe, holte sie sich diesmal sogar Unterstützung von ganz oben: „Unser Herrgott hat unsere Nasen so wunderbar geschaffen, und ich lass mir meine doch nicht wegen sowas zerstechen!“

 

Eine ausgebildete Krankenschwester, die den Job seit Jahren nicht mehr ausübt und ihre Verweigerungshaltung von Coronatests mit Gott begründet. Was will man mehr!? Immer wieder faszinierend, was für Leute man so kennenlernt, wenn man nach neuen persönlichen Assistenten sucht. Natürlich klingt es viel besser, Gottes Werk, das nicht gestört werden darf, als Grund zu nennen, statt zuzugeben, dass man zu empfindlich oder sich selbst zu schade ist, um sich für einen kurzen Moment mit einem Stäbchen in die eigene Nase fahren zu lassen. Ich denke zwar nicht, dass sie grundsätzlich eine Person war, die sich für vieles zu schade war, sondern eher, dass sie sich während der Pandemie im Widerstand gegen jegliche Maßnahmen befand. Der Eindruck bestätigte sich später.

 

Was ich mich bei so strenggläubigen, christlichen Coronaleugnern frage: Wissen sie eigentlich, dass sie damit ihren religiösen Prinzipien zuwiderhandeln? Vielleicht hätten solche Leute mal darüber nachdenken können, dass viele der Maßnahmen vor allem dazu dienten, die gesundheitlich Geschwächten, Vulnerablen zu schützen. Wenn man schon so gläubig ist und meint, Gott an seiner Seite zu haben, hätte man das Einhalten von Abstandsregeln, Maskenpflichten und auch, ab und zu einen Coronatest über sich ergehen zu lassen, als Akt der Nächstenliebe sehen können, die der Begründer der Religion, welche in deren Leben doch so eine wichtige Rolle spielt, stets gepredigt hat. Doch manchmal ist die Liebe zur eigenen Nase eben doch stärker als die Nächstenliebe. Fairerweise muss ich aber anmerken, dass Ludmilla während der Pandemie doch auch etwas für andere tat. Sie habe sich längere Zeit um eine alte Person gekümmert, ohne Anstellung über irgendeine Organisation, wodurch ihr die unzumutbaren, pandemischen Sonderregeln erspart blieben.

 

Beim Frühstück erfuhr ich, dass Ludmilla nicht nur mit Wattestäbchen, sondern auch mit jeglichen „normalen“ Medikamenten auf Kriegsfuß stand. Von allen Medikamenten und sonstigen Mitteln, die in der Küche standen, inspizierte sie genau die Verpackungen und las die Inhaltsstoffe, die bei ihr teilweise Entsetzen auslösten. Viel zu viel Chemie! Lauter gefährliche, schädliche Substanzen! Auch die beiden Mittel, die meine Assistentin in mein Joghurt mit Früchten mischte, waren Ludmilla ein Dorn im Auge: Dolco-Soft, ein Mittel gegen Verstopfung, von dem ich jeden Morgen 10 Milliliter zu mir nehme, enthielt für ihren Geschmack natürlich auch mehrere unnatürliche, schlechte Stoffe. Sie empfahl stattdessen Flohsamen. Abgesehen davon, dass sie nicht darüber zu entscheiden hat, was ich zu mir nehme und was nicht, hätte sie vielleicht darauf kommen können, dass es möglicherweise einen Grund hat, warum ich keine Flohsamen zu mir nehme. Zunächst einmal ist es angenehmer, eine kleine Menge leicht zähflüssiger Flüssigkeit mit dem Joghurt einzunehmen, als lauter Samen im Joghurt zu haben. Dazu kommt aber noch etwas Wesentliches: Werden Flohsamen mit zu wenig Wasser eingenommen, kommt es erst recht zu Verstopfungen. Allerdings kann ich nicht so viel auf einmal trinken, da ich nur kleine Schlucke nehmen kann, weshalb es bei mir durchaus vorkommt, dass ich mal etwas zu wenig trinke. So ein einzelner Tag ist nicht schlimm. Wenn ich aber jeden Tag Flohsamen zu mir nehmen würde, könnte ein einziger Tag, an dem ich wenig trinke, zur Verstopfung und im schlimmsten Fall zum Darmverschluss führen! Und was ein Darmverschluss für jemanden wie mich bedeuten kann, musste mein Bruders vor drei Jahren leidvoll erfahren.

 

Nun zum zweiten Medikament in meinem Joghurt: Calcium-Citrat. Oh nein, Citrat! Das sei ja komplett das Falsche! Angeblich entziehe Citrat dem Körper Calcium, mache also genau das Gegenteil von dem, was der Sinn von Calciumtabletten sei. Ob ihre Citrat-Theorie überhaupt stimmte, ist das eine, aber selbst, wenn sie stimmen würde: Vielleicht ist das Calcium ja hoch genug dosiert, dass trotz des bösen Citrats noch ausreichend Calcium im Körper bleibt. Außerdem werden Medikamente getestet, sodass es mit Sicherheit längst aufgefallen wäre, wenn die Menschen durch die Einnahme von Calcium einen Calciummangel entwickeln würden. Jedenfalls beziehe sie ihre Vitamine und rein pflanzlichen, natürlichen Medikamente und Mittel nur vom Naturheilarzt ihres Vertrauens, oder stelle für sich selbst ihre eigenen Kapseln her. „Da weiß ich genau, was drin ist!“

 

Als meine Assistentin davon redete, dass sie selbst morgens verschiedene Tabletten nehmen müsse, wollte Ludmilla sie gerne davon abbringen: „Nein, du musst gar nichts!“ Heutzutage würden Ärzte Leuten beispielsweise ab einem gewissen Alter pauschal Cholesterinsenker-Tabletten verschreiben, dabei sei dies doch überhaupt nicht notwendig. Früher seien Cholesterinwerte von 200 normal gewesen, und den Menschen sei es blendend gegangen: „Die Leute waren viel gesünder und haben so lange gelebt!“

 

Es ging munter weiter mit Verschwörungstheorien: Beim Blick aus dem Fenster Richtung Himmel, wo Kondensstreifen von Flugzeugen zu sehen waren, wurde sie nachdenklich. Die weißen Striche seien sogenannte Chemtrails, Chemikalien, die von Flugzeugen im Auftrag der Regierung versprüht werden würden. Dadurch würde auch ein Teil des Sonnenlichts geblockt werden, was sehr schade sei, denn: „Sonne ist das Gesündeste, was es gibt! Und Leute haben Angst vor Sonne…“ Ja ja, diese Angsthasen. Vielleicht haben sie auch einfach nur Angst vor Dürren und Wasserknappheit. Oder findet Ludmilla das alles auch gesund? Und was ist mit Hitzeschlägen und Hautkrebs? Findet sie auch diese Dinge gesund, da sie ja ebenfalls von der Sonne verursacht werden?

 

Nun aber zu einer Verschwörung, die uns an den Anfang des Tages führt: Dass sie keine Coronatests bei sich hatte durchführen lassen, lag nämlich nicht nur daran, dass ihre Nase das vollkommene Wunderwerk Gottes war. Sie glaubte einfach nicht an die Existenz dieses Virus und sprach von einer PLANdemie. Auch die Impfung sei nicht wirklich eine Impfung: „Ich bezeichne es nur als Spritze.“ Diese „Spritze“ habe man aus zwei Gründen entwickelt: Erstens, damit die Pharmakonzerne Geld verdienen. Außerdem gebe es zu viele Menschen auf der Erde. Die Impfungen hätten also auch den Zweck, die Bevölkerung zu reduzieren. Heißt im Klartext: Viele Geimpfte würden sterben.

 

Nachdem wir nun die Wahrheit über Coronaimpfungen wussten, konnte Ludmilla den nächsten Punkt in ihrem mentalen Skript abarbeiten: Auch wenn es bereits fünf Jahre in der Vergangenheit lag, äußerte sie sich empört über die von den Systemmedien verbreitete Panikmache und Dramatisierung bezüglich des Virus, das aus ihrer Sicht reine Lüge sei. Auch sei vielfach als Todesursache fälschlicherweise Corona angegeben worden. Sie kenne sogar jemanden persönlich, bei dessen Verwandtem genau das passiert sei. Mit dieser Anekdote widersprach Ludmilla sich selbst, denn wenn sie nicht an die Existenz des Virus glaubte, hätte sie ja bei jedem offiziell coronabedingten Todesfall annehmen müssen, dass über die Todesursache gelogen worden sei. Wieso musste sie dann einen einzelnen Fall so betonen? Das klingt für mich so, als würde sie von ihrer vorherigen Aussage zurückrudern und zugeben: „Naja, das Virus gibt es schon, aber nicht so viele sind daran gestorben, wie die da oben es uns durch ihre Panikmache glauben lassen wollen!“

 

Ihre Logik zum Thema Corona finde ich sowieso bemerkenswert: Es geht also gar nicht, etwas besorgniserregend über ein Virus zu berichten, das sich in der ganzen Welt rasend schnell verbreitet und viele Menschen auf die Intensivstation bringt. (Ja, auch Alte und Vorerkrankte sind immer noch Menschen, deren Leben zählen und schützenswert sind, was man gerade als gelernte Krankenschwester wissen sollte.) Aber komplett fernab jeder Realität anzusiedelnde Schreckensszenarien darüber zu verbreiten, was mit Geimpften passieren wird, ist in Ordnung? Das Beste daran ist, dass sie das alles von sich gab, während ich, der seit 2021 insgesamt sechs Coronaimpfungen hatte, direkt daneben saß. Sie wusste nichts von meinen Impfstatus. Hätte sie es gewusst, wäre sie womöglich aus allen Wolken gefallen und perplex darüber gewesen, dass ich überhaupt noch lebe. Unabhängig davon finde ich es absolut unangebracht, ein solches Gesprächsthema zu wählen, denn auch wenn sie nun mal diese Meinung hatte, konnte sie während der Pandemie wohl doch erkennen, dass sich die Schlafschafe, die auf die Plandemie hereinfielen und sich das tödliche Serum verabreichen ließen, das als Impfstoff verkauft wurde, doch in der Überzahl befanden. Insofern musste sie damit rechnen, dass auch Geimpfte zuhören könnten, wann immer sie außerhalb ihrer Bubble ihre Coronaverschwörungen zu Besten gab. Was, wenn nicht Panikmache, wollte sie mit ihren Schauergeschichten also bezwecken?

 

Eigentlich hätte mich ihr Gerede auch unberührt lassen können, denn ich glaubte sowieso nicht an ihre Horrormärchen. Das Problem ist, dass auch noch so sichere Impfungen und noch so sichere Medikamente, die eine Vielzahl an Krankheitsfällen verhindern und somit in weiterer Folge viele Leben retten, selten auftretende Nebenwirkungen haben können, an denen in wiederum äußerst seltenen Fällen auch Personen sterben können. Mit ihrem schwarzmalerischen Gerede erinnerte sie mich also an das Schlimmste, was einmal pro viele tausende Impfungen passiert. Somit machte es eben doch etwas mit mir, dass sie diese Aussagen von sich gab.

 

Um uns zu zeigen, dass sie eine Vorzeige-Coronaskeptikerin war, die sich für nichts zu schade war, berichtete Ludmilla stolz, dass sie damals auch an Demonstrationen teilgenommen habe: „Ich war auch bei den Menschen dabei, die man Schwurbler und Querdenker genannt hat!“ Für sie persönlich sei der Begriff Querdenker allerdings positiv: Es seien einfach Menschen, die in der Lage seien, kritisch und scharfsinnig zu denken, und nicht sofort alles glauben würden, sondern sich erstmal umfassend informieren würden, um sich eine Meinung zu bilden. Sie selbst hielt sich ebenfalls für sehr kritisch und supergut informiert, da sie sehr viel recherchiere und nachlese. Für jemanden, der so kritisch denkt, wundert es mich, warum sie so vielen populären Verschwörungstheorien glaubte. Konnte sie diese nicht auch kritisch hinterfragen und nach Recherche ihre eigene Verschwörungstheorie über Verschwörungstheorien entwickeln? So ähnlich mache ich es. Nur überspringe ich den Zeitraum, während dem ich die Verschwörungstheorie glaube, sondern entwickle direkt die Theorie, dass Verschwörungstheoretiker die eigentlichen Lügner sind und leichtgläubige Bevölkerungsgruppen mit schwachsinnigem Gedankengut füttern. Was ich bei Ludmilla ebenfalls interessant fand: Ausgerechnet die, die glaubt, Corona habe es nie wirklich gegeben, redet noch Jahre danach unaufgefordert darüber, und das gut und gerne eine Stunde lang.

 

Als nächstes hörten wir die Geschichte vom großen Bevölkerungsaustausch. Sie erzählte von einer bekannten Person, die bereits vor 40 oder 50 Jahren gesagt habe, Europas Bevölkerung sei zu weiß. Für Ludmilla war dies ein klarer Beweis dafür, dass der Bevölkerungsaustausch schon lange geplant werde. Von den Flüchtlingen, die nach Europa einwandern würden, käme in Wirklichkeit kaum jemand tatsächlich aus Kriegsgebieten. Auch die Coronaspritze sei ein Instrument für den Bevölkerungsaustausch.

 

Vielleicht fragt ihr euch, ob Ludmilla denn wenigstens genau zuschaute bei den Tätigkeiten, die bei mir konkret anfielen. Leider war das eher mäßig der Fall: Entweder war sie damit beschäftigt, ihre Verschwörungsgeschichten weiterzuerzählen oder Verpackungen in unserer Küche genau zu inspizieren, oder sie war einfach nicht sonderlich aufmerksam bei der Sache.

 

Als um 13 Uhr der Assistent für den Nachmittag kam, war Ludmilla des Dauerredens noch kein bisschen müde. Sie hatte nun ein frisches Opfer, das sie in Beschlag nehmen konnte und verbrachte noch eine ganze Stunde mit ihm. Sie glaubte, in ihm den perfekten Gesprächspartner gefunden zu haben, denn als der Assistent gerade bei uns angekommen war, fiel ihr auf, dass er eine alte Bibel dabeihatte. Was sie nicht wusste: Dieser Assistent ist auch studierter Theologe und Lehrer, interessiert sich aber nicht nur für das Christentum, sondern findet auch andere Religionen interessant. Der Dialog und die Annäherung zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen ist ihm ein wichtiges Anliegen. Somit hat er einen komplett anderen Zugang zum Glauben als Ludmilla, die auch beim Thema Religion offensichtlich nicht ohne düstere Verschwörungstheorien auskam. Während sie über ihren Glauben und die Bibel sprach, behauptete sie zum Beispiel, das Wort für „Ostern“ leite sich von einem jüdischen Ritual ab, bei dem Kinder geopfert und anschließend Eier mit deren Blut bemalt worden seien. Seitdem Ludmilla das wisse, male sie keine Ostereier mehr an. Später schaute ich aus Interesse im Internet nach und fand heraus, dass es zur Namensherkunft von Ostern mehrere andere, deutlich wahrscheinlichere, plausiblere Theorien gibt, während ihre Theorie eher im Bereich der antisemitischen Hetze anzusiedeln ist.

 

Zum Abschluss gab sie ihre Sichtweise zum Klimawandel bekannt. Auf ServusTV habe sie dazu eine sehr gute Dokumentation gesehen. Dort habe sie erfahren, dass die Wissenschaftler über das Ausmaß der Erderwärmung gelogen hätten. In Wahrheit sei der Temperaturanstieg deutlich weniger dramatisch gewesen, als die Prognosen es vorhergesagt hätten. Dass Prognosen nicht hundertprozentig stimmen müssen, sondern auch eine Tendenz abbilden können und deswegen nicht gleich gelogen sind, und dass die Prognose vielleicht auch teilweise deswegen nicht komplett stimmte, weil als Reaktion auf diese Prognose mehr für den Klimaschutz getan wurde, blieb von ihr unausgesprochen. Ich weiß nicht, was in der Doku tatsächlich gesagt wurde. Aber eine nicht ganz eingetretene Prognose als bewusste Lüge darzustellen, ohne weitere Beweise zu nennen? Damit machte Ludmilla es sich doch etwas einfach. Aber sie hatte ja noch ein Todschlagargument in der Hinterhand: Falls der Klimawandel tatsächlich Menschengemacht sei, hätte Österreich mit seinem Anteil von 0,2 % des weltweiten CO2-Ausstoßes ohnehin keinen Einfluss darauf. Klar, wenn jedes Land so denkt, wird sich nie etwas ändern. Erst, wenn nach und nach immer mehr Länder mitziehen, kann etwas bewegt werden. Und gerade deswegen ist es wichtig, dass erstmal ein paar Länder anfangen und als positive Fallbeispiele zeigen, dass Klimaneutralität prinzipiell möglich ist. Aber das werden die meisten sowieso nicht mehr erleben, da die Geimpften bald alle tot umfallen werden! Das hat sie zwar nicht gesagt, aber jeder Querdenker weiß, dass es so ist. Da können wir Schlafschafe noch so gut versuchen, ihre Meinung mit logischen Argumenten zu ändern.

 

Vielleicht ist es bei manchen Leuten einfach das Beste, gegenseitig auf Abstand zu gehen, statt lauter vergebliche Kräfte aufzuwenden, um das jeweilige Gegenüber von seiner Meinung zu überzeugen. Aber diplomatisch wie ich bin, stimmte ich erstmal zu, als Ludmilla bei der Verabschiedung fragte, ob ich mir vorstellen könnte, dass sie hin und wieder zu mir kommt. Wenn sie gelegentlich ein paar Stunden zum Aushelfen bei mir wäre, würde ich das schon irgendwie aushalten, dachte ich mir.


Als sie weg war, begann ich, dem Assistenten zu erzählen, welch nette Verschwörungsgeschichten er verpasst hatte. Irgendwann bat er, dass Ludmilla, falls sie mal zu mir komme, einen Einsatz zugewiesen bekommen möge, der nicht direkt vor oder nach seiner Arbeitszeit sei. Er bevorzuge es, kein weiters mal auf Ludmilla zu treffen, um sich dann womöglich wieder eine Stunde lang ihr Gerede anhören zu müssen. Ähnlich dürfte es der Assistentin vom Vormittag gegangen sein, die den Redeschwall über vier Stunden hatte aushalten müssen. In den Tagen danach erzählte sie uns, dass sie nach diesem Vormittag fix und fertig gewesen sei und noch stundenlang Kopfschmerzen gehabt habe.

 

Natürlich berichtete ich auch meiner Mama von den Erlebnissen des Tages. Nachdem sie beim Telefonat mit Ludmilla bereits Dinge herausgehört hatte, die gewisse Tendenzen vermuten ließen, war ihr jetzt klar: Das wird nichts mit Ludmilla. Einerseits wollte sie mir diese Frau nicht antun, andererseits hatte sie aber auch selbst keine Lust darauf, bei jeder Begegnung mit Ludmilla lauter Empfehlung von ihr zu bekommen, was wir bezüglich Ernährung oder Medikamenteneinnahme ihrer Meinung nach anders machen sollten. Jemanden von der Sorte strenggläubige Ernährungsexperten mit Hang zum Leugnen der Schulmedizin hatten wir schonmal. Auf weitere derartige Erfahrungen konnten wir gerne verzichten, weshalb meine Mama ihr schrieb, dass es für mich mit ihr doch nicht so wirklich gepasst habe. In einem weiteren Satz fügte sie hinzu, dass ich und unsere Familie in vielen Belangen auf einer ganz anderen Wellenlänge seien. (Wir sind eben keine Verschwörungstheoretiker, sondern Schlafschafe, die an die Coronalüge glauben und sich jedes Jahr einen neuen Microchip von Bill Gates einimpfen lassen.)

 

Ludmilla antwortete gefasst auf unsere Absage: „Alles klar, kein Problem!“ Möglicherweise war sie so etwas bereits gewohnt. Wir und viele andere sind nun mal nicht schlau genug, um zu erkennen, dass Querdenker hyperintelligent sind und mit allen Verschwörungstheorien recht haben. Die perfekte Querdenkerin war allerdings auch sie noch nicht, denn leider hatte sie ein paar Verschwörungstheorien vergessen: Weder die flache Erde noch Reptilienmenschen erwähnte sie während der fünf Stunden, die sie bei uns blieb. Und auch der Begriff „Adrenochrom“ fehlte komplett in ihren Erzählungen. Entweder gingen sie sich zeitlich nicht mehr aus, oder Ludmilla hatte tatsächlich erschreckende Lücken, was ihr Verschwörungstheoretiker-Allgemeinwissen betraf. Falls letzteres der Fall sein sollte, würde ich ihr empfehlen, sich auf Querdenker-Foren im Internet und in Telegram-Gruppen Nachhilfe zu suchen.

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1 Kommentar

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Alexandra
vor einer Stunde
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:-))))). sehr lustig, wenn's eigentlich nicht traurig wäre... so gut geschrieben :-)))

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