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Habe Hoffnung und vertraue auf das Leben!

  • Autorenbild: Paul Wechselberger
    Paul Wechselberger
  • 21. Dez. 2025
  • 15 Min. Lesezeit

In wenigen Tagen ist Weihnachten, eines der größten christlichen Feste, welches heutzutage für viele allerdings kaum mehr etwas mit Religion zu tun hat. Aus diesem Anlass möchte ich ein Thema ansprechen, über das ich auf meinem Blog bisher noch nicht wirklich etwas geschrieben habe: Woran glaube ich eigentlich? Habe ich überhaupt einen bestimmten Glauben? Was sehe ich als Sinn des Lebens?

 

Auf dem Papier bin ich katholisch. Bei uns in der Familie hat Religion allerdings nie eine zentrale Rolle gespielt. In die Kirche gingen wir eher selten und es war bei uns zu Hause auch beispielsweise nie üblich, vor dem Essen oder vor dem Schlafen ein Gebet zu sprechen. Meiner Oma mütterlicherseits hingegen war der Glaube ein wenig wichtiger. Wenn sie abends manchmal auf meinen Bruder und mich aufpasste, als wir noch klein waren, sprach sie beim ins Bett bringen ein kurzes Abendgebet, das sie mit einer eigenwilligen Betonung herunterleierte: „Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ die müden Äuglein zu; der Herr im Himmel wacht; gute Nacht!“ Obwohl es bald 15 Jahre her sein dürfte, seit ich den Spruch das letzte Mal von ihr gehört habe, kenne ich ihn heute noch auswendig. Das ist aber so ziemlich das einzige Gebet, dass ich als Kind zu Hause mitbekommen habe. Somit ist es nicht verwunderlich, dass ich selbst in der Kindheit nie so richtig an Gott glaubte und das Thema für mich nie besonders wichtig war.

 

Seit etwa neun Jahren würde ich mich am ehesten als Atheist bezeichnen. Was ist vor neun Jahren Besonderes passiert? Nichts! Denn eigentlich denke ich schon seit noch längerer Zeit so, nur kenne ich eben erst seit neun Jahren das Wort dafür. In den Jahren, nachdem mir bewusst geworden war, dass ich wahrscheinlich Atheist bin, belächelte ich Religionen insgeheim und fühlte mich gläubigen Menschen intellektuell in gewisser Weise überlegen. Ich war vollkommen sicher, dass es eine höhere Macht im Universum, wie Gott, nicht geben könne und hatte das befriedigende Gefühl, Recht zu haben. In letzter Zeit bin ich aber zu der Realisation gelangt, dass es bei Glaubensfragen um mehr gehen sollte, als Recht zu haben und sich schlauer als der Rest zu fühlen. Es ist wichtig, dass man anerkennen kann, was man nicht weiß, und einzusehen, dass es Dinge gibt, die immer ungewiss bleiben werden und dass es nicht in jedem Bereich möglich ist, mit hundertprozentiger Sicherheit richtig zu liegen. Es wird immer sowohl tiefgläubige als auch atheistische Menschen geben, denn niemand wird jemals beweisen können, dass kein Gott existiert, aber gleichzeitig wird es auch nie den objektiv wissenschaftlichen Gottesbeweis geben. Weder ein Atheist noch ein Gläubiger sollte sich dem jeweils anderen überlegen fühlen. Beide können gleichermaßen intelligent sein. Dumm sind nur diejenigen, die ihre Sichtweise als die einzig richtige und akzeptable sehen und alle verachten, die einen anderen Glauben vertreten. Allerdings darf grundsätzlich jeder seine eigene Meinung haben und diese auch kundtun, selbst wenn sie nicht allen gefällt.

 

Und aus diesem Grund werde auch ich nun meine Meinung zu der Thematik äußern:

 

In fast allen Dingen im Leben gilt es, das richtige Maß zu finden. Man kann sich zum Beispiel für einen Glauben entscheiden, weil man dann im Leben einen größeren Sinn sieht und dadurch besser oder glücklicher durchs Leben kommt. Allerdings bringt es meiner Meinung nach wenig, sich davon alles Mögliche vorschreiben oder verbieten zu lassen. Wo blieben denn dann die Freiheit und der Spaß? Wenn man nicht überzeugt davon ist, dass eine Art göttliches Wesen existiert, macht es auch nicht wirklich Sinn, daran zu glauben. Die Vorstellung, dass es einen Himmel und das ewige Leben unter paradiesischen Bedingungen geben soll, hört sich natürlich schön an. Wer würde dazu schon nein sagen? Aber ich denke, es wäre zu schön, um wahr zu sein. Und warum machen sich Leute so genaue Vorstellungen vom Himmel und erzählen sich, wie es dort sein soll, obwohl sie noch nie dort waren?

 

Was ich an Religionen besonders komisch finde: In alten Schriften stehen alle „Spielregeln“ genau drin, als wäre alles darüber bekannt. Warum sollte ein Gott den Menschen alle genauen Informationen senden, damit die diese dann niederschreiben und an die nächsten Generationen weiterreichen können? Ich meine: Er ist der allmächtige Gott, kann er dann nicht den Glauben von vornherein in die Menschen einbauen, quasi in ihre DNA? Oder er kann die Informationen ja jedem persönlich schicken. Wenn Gott mit mir persönlich redet, kann ich ihm auch eher glauben, als wenn ich nur ein 2000 Jahre altes Buch habe und gar nicht sicher sein kann, ob wirklich er es geschrieben hat. Da finde ich es viel wahrscheinlicher, dass Menschen irgendwann Götter in ihrer Fantasie kreiert und ihre Vorstellungen verschriftlicht haben. Auch kommt es mir sehr verdächtig vor, dass es so viele unterschiedliche Religionen gibt: Gibt es einfach eine Vielzahl an Göttern, oder sind alle Götter bis auf einen von Menschen konstruiert worden? Die Wahrscheinlichkeit, dass dann der Gott, an den man selbst glaubt, der echte ist, wäre sehr gering. Religionen, die alle anderen Religionen als falsch ansehen, könnten ihrer Logik nach genauso gut die falschen sein. Wenn auf beiden Seiten nur Menschen stehen, die sich gegenseitig dasselbe vorwerfen, wer hat dann Recht? Wessen Gott ist dann stärker? So beweist man nicht, dass man der wahrhaftige Glaube ist. Im Gegenteil: Jede Religion, die gegen andere Menschen und deren Glauben ist, kann nicht die eine wahrhaftige Religion sein, denn die hätte das nicht nötig.

 

Diese Gedanken führen bei mir dazu, dass ich an keine Existenz eines Gottes irgendeiner Religion glauben kann und auch nicht einfach so tun kann, als würde ich daran glauben. Schon gar nicht an all die Regeln, die die Religionen als das aus Gottes Sicht Richtige sehen. Woher wollen sie so genau wissen, was Gott will? Sagt man nicht, dass Gottes Wege unergründlich sind? Wer weiß, ob es den Schöpfer des gesamten Universums überhaupt interessiert, was die Bewohner irgendeines Planeten machen? Wenn es ihn interessieren würde, ob Leute das Richtige tun, warum kann dann den Menschen, die sich ganz strikt an alle Vorgaben halten, trotzdem Schlimmes widerfahren, während nicht Religiöse auch nicht zwingend von Unheil heimgesucht werden müssen?

 

Eigentlich kann das ja nur einen von zwei Gründen haben: Entweder ist Gott für alle Menschen da, unabhängig davon, ob sie an ihn glauben oder nicht, und versucht, jeden gleichermaßen zu unterstützen - was ihm offensichtlich nicht gelingt – oder Möglichkeit zwei: Es gibt keinen Gott, der mit einer bestimmten Intention in das Leben der Menschen eingreift. Stattdessen passieren die Dinge einfach, aber nicht, weil ein göttlicher Wille dahintersteckt. Viele würden sagen, Gott wolle die Gläubigen nur prüfen. Interessante These! Vielleicht könnte es jedoch auch an etwas anderem liegen: Was, wenn es einen Gott gibt, aber keinen, wie er von irgendeiner Religion dargestellt wird. Alle heiligen Schriften wurden in Wahrheit höchstwahrscheinlich von Menschen geschrieben, die nur vermuten konnten, was das allmächtige Wesen, dem sie alles zu verdanken haben, möchte. Das würde auch erklären, warum in verschiedenen Erdteilen unterschiedliche Religionen entstanden sind, die in manchen Belangen deutliche Unterschiede aufweisen. Jede Religion verbreitet also eine andere Version dessen, was Menschen vor langer Zeit als Gottes Wille vermutet haben. Was der „Echte Gott“, sofern es überhaupt einen gibt, tatsächlich vorsieht oder was sein Wille ist, wird für immer ungewiss bleiben.

 

Ich denke nicht, dass man sich einen Gott als menschliches Wesen vorstellen kann, das den Gebeten zuhört und entsprechend reagiert. Deshalb halte ich es für absolut unnützlich, Gott im Gebet um eine bestimmte Sache zu bitten, auf die man keinen Einfluss hat. Es geht vielleicht eher darum, sich selbst seiner Wünsche und Sorgen bewusst zu werden und diese im Gebet jemandem mitteilen zu können. Ich selbst reflektiere auch oft über meine Wünsche und Sorgen, brauche dazu aber weder Gott noch ein Gebet. Natürlich hoffe ich darauf, dass möglichst gute Dinge passieren und meine Wünsche in Erfüllung gehen. Ich trage also Hoffnung in mir. Gleichzeitig weiß ich, dass nicht immer alles nach Wunsch verläuft. Deshalb versuche ich auch, das Leben, so, wie es ist, zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ich Möglichkeiten finden werde, um damit umzugehen, indem ich aus bescheidenen Situationen zumindest das Beste mache.


Hoffnung? Vertrauen? Das hört sich doch sehr nach Begriffen an, die auch im Leben gläubiger Menschen eine zentrale Rolle spielen. Wir sind also trotz aller Unterschiede doch gar nicht so verschieden!

 

Ich habe außerdem eine Sichtweise gefunden, nach welcher ich für mich selbst eine Definition für „Gott“ habe. Ich meine damit nicht, dass ich an einen Gott glaube, aber zumindest ist es mir dadurch gut möglich, wenn jemand etwas über Gott redet, nicht denken zu müssen: „Muss der dauernd von einem imaginären Wesen erzählen, für das es keine Evidenz gibt…“ Stattdessen „übersetze“ ich es einfach in eine Form, mit der ich etwas anfangen kann, deute es also um: Man könnte einfach die Gesamtheit aller Dinge im ganzen Universum als Gott bezeichnen, denn so gut wie alles, was wir beobachten und wahrnehmen können, wird durch irgendwas im Universum verursacht. Egal, ob du glaubst, dass Dinge wegen einem Gott passieren, oder einfach so, ohne dass jemand dafür verantwortlich ist: Sie passieren!


Es kann mir beispielsweise völlig egal sein, ob ich die Musik meiner Lieblingsband durch reinen Zufall entdeckt habe, oder aufgrund einer wohlwollenden Gottheit. Hauptsache, ich habe sie entdeckt! Nicht nur das Ergebnis ist genau dasselbe, sondern auch die Erkenntnisse, die man daraus zieht, können sehr ähnlich ausfallen. Wo der Gläubige seinem Gott dankbar ist, bin ich als Atheist eben dankbar für diesen glücklichen Zufall. Wir erleben im Grunde dasselbe und geben dem Ganzen einfach unterschiedliche Namen. Wenn Gott für jemanden eine wichtige Rolle spielt, muss ich mich mit dieser Person weder streiten noch mich über sie lustig machen. Ich kann mir denken: Sie meint einfach das, was ich als Zufälle sehe oder als die Dinge, die man nicht beeinflussen kann und denen man machtlos gegenübersteht, die aber dennoch gutgehen. Womit man sich wohler fühlt, sollte jeder für sich frei entscheiden dürfen. Wenn einem der Glaube an einen Gott hilft und es einem dadurch besser geht, ist das großartig. Ich bin ja selbst auch bestrebt, Taktiken und Tricks anzuwenden, um mental möglichst gut über die Runden zu kommen und Negatives in eine konstruktive Richtung umzudeuten.

 

Egal, ob gläubig oder nicht: Wir leben alle auf derselben Erde. Wenn sie von einem großen Meteoriten getroffen wird, der alles Leben auslöscht, kann es den Menschen egal sein, warum es passiert, denn das Resultat wird für alle gleich sein. Und wo wir gerade beim Thema Tod sind, möchte ich auch gerne noch dazu ein paar Gedanken anbringen:

 

Wer lebt, wird sterben. Wer nie existiert, stirbt auch nie. Einer der Flüche des Lebens, oder zumindest etwas, womit jeder irgendwie zurechtkommen muss, ist der Umstand, dass das Leben enden wird. Seltsamerweise sorgen sich Menschen weniger darum, was vor ihrem Leben war, wie es wohl gewesen sein muss, nicht existiert zu haben. Aber was nach dem Leben sein wird, interessiert hingegen viele brennend: Wie ist das, nicht zu existieren? Man kann sich das kaum vorstellen, obwohl man seit Anbeginn der Zeit fast ausschließlich nicht existiert hat. Der Unterschied ist, dass wir, sobald wir einmal leben und ein menschliches Bewusstsein erlangt haben, uns darüber im Klaren sind. Irgendwie ironisch: Nur, wer existiert, kann überhaupt darüber nachdenken, wie es ist, nicht zu existieren, und wird nie wirklich eine Antwort finden. Wer nicht existiert, weiß dies gar nicht und muss sich nicht über solche existenziellen Fragen den Kopf zerbrechen.

 

Zur Klarstellung: Ich bin nicht deswegen Atheist, weil ich die Vorstellung, dass nach diesem Leben alles vorbei sein soll, so toll finde! Ich habe es mir nicht unbedingt ausgesucht. Es hat sich einfach im Laufe meines Lebens so ergeben, dass die atheistische Sicht für mich am plausibelsten ist. Von meinem jetzigen Standpunkt ist es für mich nicht vorstellbar, dass ich irgendwann plötzlich ganz von einer bestimmten Religion überzeugt sein und an das ewige Leben nach dem Tod im Paradies glauben werde. Aber wo ich das gerade schreibe, wird mir auch klar, dass es vielleicht Vorteile hätte, daran zu glauben, denn, falls doch mit dem Tod alles vorbei sein sollte, lebe ich mein Leben trotzdem nicht in Angst, sondern in freudiger Erwartung auf das ewige Leben im Paradies, das mir bevorsteht – oder das ich mir zumindest einrede. Davon, wie es tatsächlich wäre – also, dass nach dem Tod gar nichts mehr kommt – würde ich sowieso nichts bemerken, ich bin dann ja tot.

 

Wenn mir jemand sagen will, „Und was ich mit Leuten, die fast gestorben wären, den Himmel gesehen haben und später darüber erzählt haben? Die sind doch DER Gottesbeweis!“, ist hier meine (er)nüchtern(d)e Antwort: Ich denke, wenn Menschen nach Nahtoderfahrungen zurück zum Leben gelangen und anschließend berichten, sie seien im Himmel gewesen und wüssten nun, dass es nach dem Tod weitergeht, hat die Sache einen gewaltigen Haken: Diese Leute haben nicht wirklich erlebt, was nach dem Tod passiert, sondern lediglich das, was man während des Sterbevorgangs wahrnimmt. Durch die Wissenschaft wissen wir inzwischen, dass es in dieser Phase nochmal einen starken Schub an Gehirnaktivität gibt. Natürlich fantasiert sich das Gehirn unter starkem Sauerstoffmangel die kühnsten Visionen zusammen! Wenn das zu Ende ist, alle Hirnaktivität erloschen ist und das Gehirn unumkehrbar tot ist, geht wohl endgültig das Licht aus und nicht einmal die Leute mit Nahtoderfahrungen wissen, was danach kommt.

 

Es wird aller Wahrscheinlichkeit nach bis ans Ende der Zeit und für immer und ewig so sein, wie in den 13,7 Milliarden Jahren, die zwischen dem Urknall und der eigenen Geburt liegen. Und wer weiß, was vor dem Urknall war? Wissenschaftler sind der Meinung: nichts! Aber vielleicht war das Nichts ja in etwas enthalten, das bereits vorher existiert hat, aber außerhalb dessen liegt, was die Wissenschaft wahrnehmen, messen oder sonst irgendwie herleiten kann. Das gesamte Universum könnte sich also in einer noch viel größeren „Hülle“ befinden, die zu einer höheren, übernatürlichen Ebene gehört. Das sind natürlich absolut verrückt klingende Spekulationen über eine Sache, die niemand jemals wissen wird.

 

Jedoch halte ich es für gut möglich, dass Religionen auf ähnliche Weise entstanden sind: Die Urzeitmenschen suchten nach Erklärungen für das, was niemand sehen, verstehen oder begreifen konnte. Damals waren es vielleicht Dinge wie das Wetter, welche die Menschen nicht selbst beeinflussen konnten und deren Entstehung eine große Unbekannte darstellte. Daher stellten sie sich beseelte Wesen vor, die im Himmel leben und mit denen man auf bestimmte Weise kommunizieren könne, um damit doch Einfluss auf beispielsweise das Wetter zu nehmen. Also wer hat hier wen kreiert? Es waren wohl eher die Menschen, die in ihrer Fantasie vor mehreren tausend Jahren Götter erschaffen haben! Je mehr die Menschheit mit der Zeit herausgefunden hat, umso weiter verschob sich die Grenze zum Ungewissen: Damals waren es die Grenzen des Territoriums, in dem sich der Mensch aufhielt, heute müsste man gedanklich schon über den Rand des beobachtbaren Universums hinausgehen, bevor man auf etwas stößt, was bisher noch niemand – auch kein riesiges Teleskop - gesehen hat.

 

Auch wenn man an keinen Gott glaubt und so wie ich Atheist ist, kann man dennoch nicht wissen, was nach dem Tod passiert, und kann nicht kategorisch ausschließen, dass es danach doch noch in irgendeiner Form weitergeht. Die Vorstellungen, welche es in manchen Religionen gibt, dass man nach dem Tod entweder für immer in einem Paradies, oder – wenn man auf der falschen Seite steht – in der Hölle bleibt, teile ich natürlich nicht. Mein Gedanke ist aber, dass die Wissenschaft und all ihre Erkenntnisse und Gesetze nur im Diesseits sicher gelten. Alles muss aus irgendeinem physischen Material bestehen, um physikalisch erforscht und erklärt werden zu können. Wie das Bewusstsein entsteht und wie genau es funktioniert, ist hingegen schwieriger zu beantworten. Wahrscheinlich erlischt es nach dem Tod für immer, zumindest ist es nicht mehr im früheren Körper drin. Aber was nicht in unserem Universum passiert, kann nicht erforscht werden.

 

Vielleicht sind unser Bewusstsein und das gesamte Universum mit all seinen physikalischen Gesetzmäßigkeiten auch nur eine Simulation und wir landen nach unserem Tod in einer neuen Simulation, die uns in ein Universum wirf, in dem Raum und Zeit ganz anders funktionieren. Irgendwie schätze ich diese Theorie jedoch als ähnlich unwahrscheinlich ein wie die Existenz einer Gottheit, wie sie in verschiedenen Religionslehren beschrieben wird. Aber ich kann durchaus verstehen, was den Reiz ausmacht, an eine Religion zu glauben oder alternativ eigene Theorien aufzustellen, wie es nach diesem Leben weitergehen könnte: Es ist eben mental viel bequemer und angenehmer, sich vorzustellen, ewig in irgendeiner Form weiterleben zu können, als sich damit auseinanderzusetzen, dass es nur dieses eine Leben gibt und die Endgültigkeit des Todes anzuerkennen. Als Atheist wäre es mein Los, mich eben damit auseinanderzusetzen. Deshalb bin ich froh, dass ich auch ohne Religion Argumente finden kann, nach denen eine Art Leben nach dem Tod nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen sein müsste.

 

Solche Notargumente helfen mir in bestimmten Fällen, in denen ich von einem Moment auf den anderen von quälenden Gedanken übermannt werde, die ein ziemlich beklemmendes Gefühl in mir auslösen, das vielleicht ähnlich ist wie eine wenige Sekunden dauernde Panikattacke. Es passiert vor allem nachts oder abends im Bett vor dem Schlafen und es ist sehr schwierig, die Gedanken in Worte zu fassen. Es ist irgendwie das Gefühl, die Zeit würde einen Kreis bilden, aus dem es keinen Ausweg gebe. Ich würde es das „Paradoxon der Unendlichkeit“ nennen, dass mir, wenn ich zu intensiv darüber nachdenke, ein schauerlicheres Gefühl gibt, als es jeder Horrorfilm könnte. Der menschliche Verstand möchte denken, dass auch die längste Zeitspanne irgendwann endet, aber was kommt danach? Der Mensch ist nicht dazu gemacht, die Unendlichkeit zu begreifen, und doch hat er die kognitive Fähigkeit, über das Konzept der Unendlichkeit nachzudenken. Als wäre es nicht schon schwer genug, sich eine unendlich weiterlaufende Zeit vorzustellen, so ist es aus meiner Sicht noch schwieriger, sich vorzustellen, die Zeit könnte irgendwann nicht mehr existieren. (Wobei das Wort „irgendwann“ eigentlich unpassend ist, denn das ist ja eine Zeitangabe, die sinnlos ist, wenn die Zeit nicht existiert.) Unabhängig davon, was die Wissenschaft sagt, gibt es aus philosophischer Sicht ja nur diese zwei Möglichkeiten: Entweder wird es Zeit und Raum für immer geben, also unendlich lang, oder an irgendeinem Punkt hören Raum und Zeit auf, zu existieren. Aus beidem gibt es kein Entrinnen, beides übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. Eigentlich könnte mir das alles egal sein, denn ich bin dann ohnehin schon längst tot!

 

Was wissen wir denn schon über Zeit? Diese Frage stelle ich mir in solchen Situationen immer, um mich zu beruhigen. Alles, was wir über Raum und Zeit wissen, gilt in unserem Universum. Dort, wo wir nach dem Tod sind – falls es unser Bewusstsein dann überhaupt noch in irgendeiner Form gibt – gelten vielleicht ganz andere Gesetze. Meine Idealvorstellung wäre, dass sich dort die Paradoxa von unendlicher und gar nicht existierender Zeit auflösen und wir einen Zustand erreichen, in dem das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Raum und Zeit keine Rolle spielt. Ich habe zwar keinen Glauben an eine Religion, kann aber – wie man sieht - trotzdem eine Möglichkeit finden, um mit Ängsten und Ungewissheiten besser zurechtzukommen.

 

Da der Sinn des Lebens meiner Meinung nach nicht von irgendeiner Gottheit festgelegt ist, denke ich, dass es keinen allgemein verbindlichen Lebenssinn gibt und die eigene Existenz möglicherweise keinem höheren Zweck dient. Was sich hier jetzt sehr nach einer negativen Sichtweise anhört, muss meiner Meinung nach nicht wirklich schlecht sei. Ändert es denn überhaupt irgendetwas an diesem Leben? Wenn es keinen vorgegebenen Sinn des Lebens gibt, den sich ein Schöpfer ausgedacht hat, bedeutet das, jeder Mensch kann für sich selbst nach einem Lebenssinn suchen. Manche entdecken Religion für sich und richten sich nach ihrem allmächtigen Gott. Als jemand, der die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines solchen Wesens und eines Ortes, an den wir nach unserem Tod hingehen werden, für unsagbar gering hält, glaube ich, dass die wichtigste Lebensaufgabe überhaupt die folgende ist: Man muss so gut man kann versuchen, im Laufe des Lebens seinen Frieden damit zu finden, dass das Leben endlich ist und nach dem Tod nichts mehr davon übrigbleiben wird. Das ist natürlich ein harter Brocken!

 

Vielleicht könnte der Sinn des Lebens auch darin bestehen, dass man sein Leben füllt mit Aktivitäten, Zwischenmenschlichen Begegnungen, Hobbys, selbstauferlegten oder von anderen zugewiesenen Aufgaben, und vielem mehr. Es geht darum, dass wir eine Beschäftigung haben und Dinge, für die wir brennen, die wir mit Herz und Seele machen, und bei denen wir das Gefühl haben: Dafür lohnt es sich, zu leben! Die Idee dahinter: Solange wir am Leben sind, sollen wir unseren Fokus auf das Leben richten, ohne ständig besorgt darüber nachzudenken, was danach sein wird. Wer eine Religion für sich gefunden hat, kann damit eigentlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der Glaube ist für solche Personen ein wichtiger Lebensinhalt, dem sie einen großen Teil ihrer Zeit widmen. Sie haben also eine Beschäftigung. Zweitens müssen sie keine Angst vor dem Tod haben, denn sie glauben ja, dass sie danach in den Himmel kommen, wo sie für immer bleiben werden. Klingt doch super, oder? Da habt ihr die Rechnung aber ohne die Hölle gemacht! Dadurch können Religionen auch als Mittel der Macht und der Angst missbraucht werden.

 

Zum Schluss noch eine Frage bezüglich Weihnachten, die ich mir als Atheist hin und wieder selbst stelle: Ist es scheinheilig oder widersprüchlich, wenn man über sich selbst behauptet, atheistisch zu sein, sich aber gleichzeitig an Weihnachtstraditionen beteiligt? Als Kind freute ich mich an Weihnachten vor allem über die Geschenke und die besondere, festliche Stimmung. Wer vor 2000 Jahren auf die Welt kam, interessierte mich weniger, was wohl vielen Kindern so geht. Aber auch für viele Erwachsene bedeutet die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten nicht mehr viel. Weihnachten ist im 21. Jahrhundert mehr Konsumfest als ein Fest des Glaubens. Wenn es wirklich nur um die Geburt Jesu gehen würde, bräuchte es keine Geschenke und kein Festessen, keinen geschmückten Tannenbaum und keine pompöse Weihnachtsbeleuchtung, denn in der Krippe gab es das meiste davon vermutlich nicht. Die Weihnachtstraditionen, die wir heute kennen, haben sich erst viel später nach und nach entwickelt. Heutzutage ist Weihnachten in unseren Breiten meiner Meinung nach vor allem ein Familienfest, welches fix mit der Kultur christlich geprägter Länder verbunden ist. Auch für mich hat Weihnachten mit Tradition und Gewohnheit zu tun. Von der Kindheit her habe ich es als diese magische Zeit in Erinnerung, die das Beste am ganzen Jahr war. Wie man in der Familie Weihnachten feiert, geht sowieso keinen Außenstehenden etwas an. Also müssen sich auch Atheisten nicht vorschreiben lassen, welche Feste sie feiern dürfen und welche nicht. Am Ende ist es außerdem nicht Gott oder Jesus, der für die Geschenke und das Essen bezahlt und die ganze Arbeit hat, sondern die Menschen müssen ihr eigenes Geld aufwenden und die Vorbereitungen selbst treffen. So ähnlich verhält es sich mit dem Christkind: Zuerst glauben die Kinder daran, aber früher oder später realisieren sie, dass in Wahrheit die Eltern für die Geschenke sorgen.

 

Hier sind noch ein paar Weihnachtsfotos von früher:

 

Bei diesem Text, der inhaltlich mal etwas ganz anderes bietet, habe ich ein etwas zwiespältiges Gefühl: Entweder werden sich viele Leser fragen, was ich da Seltsames schreibe, oder aber sie finden es sehr interessant und sind fasziniert über meine philosophischen Betrachtungen.

4 Kommentare

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Gast
25. Dez. 2025

Ein sehr interessanter Text! Ich finde es super, dass du deine Einträge über deine persönliche Erlebenswelt nun erweiterst mit Betrachtungen allgemein gültiger Natur. Ich beneide dich und jeden, der eine so klare Meinung zum Thema Glaube und Gott haben kann. Ich selbst kann jeden deiner Gedanken unterstreichen, und doch fällt es mir schwer, mich als Atheistin zu bezeichnen. Es gibt andere Personen, die wie du intelligent sind und ebenso überzeugend begründen können, warum sie gläubig sind. Und so bleibe ich weiterhin eine Suchende. Zum Thema Glaube fällt mir immer wieder ein Zitat aus Shakespeare‘s Hamlet ein: „There are more things in Heaven and Earth, Horatio, than are dreamt of in your philosophy“. Letztendlich ist unsere Vorstellungskraft einfach nicht ausreichend, diese…

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Gast
23. Dez. 2025

Hallo lieber Paul!

Vielen herzlichen Dank für diese sehr ausführliche besinnliche Betrachtung.......vom Sinn des Lebens 😉

Es ist tatsächlich ein Geschenk für mich, dass Du inzwischen auch philosophierend Deinen Gedanken Ausdruck verleihst!

Sozusagen: jetzt wird's aber interessant 😉

Meine Idee dazu:

Wenn es keinen Gott gibt, dann ist das auch OK.

Wenn es so was gibt, dann heißt dieses Wesen : alles was ist, war und sein wird.

Also die Gesamtheit, die Einheit....wobei ich als Mensch oft Einheit als Kreis symbolisiere und das passt aber eben auch nicht so gut, weil es da immer ein außerhalb und ein innerhalb des Kreises gibt....und das unendlich.....also OK ....ich kann mir das nur als Impuls zum Sein ansich denken. Der Geist ist "apriori…

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Gast
23. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Danke für diesen Text! Beim Lesen habe ich Vieles entdeckt, das mich selbst in ähnlicher Weise beschäftigt, aber auch viele neue, überraschende Einsichten, alles Liebe, Vera

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Gast
21. Dez. 2025
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

...sehr philosophisch Paul!!

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